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Samstag, 7. April 2012

Otello in München - alt und gut













Die Bayerische Staatsoper im Repertoireglück, in einer bemerkenswert stimmigen Aufführung steht derzeit eine Serie von Verdis Otello auf dem Spielplan im Nationaltheater. Spektakulär der seltene Ausflug von Heldentenor Peter Seiffert ins italienische Fach. Bei seinem Otello bleiben zwar ein paar kleine Wünsche offen, aber man muss die Partie erst einmal so souverän singen. Kraftvoll und wirkungsvoll serviert er die Spitzentöne und agiert mit Spielfreude und Souveränität. Man hat das schon anders gehört (italienischer!), aber so geht es auf jeden Fall auch! Das tragische Ende zelebriert er mit brüchigem Ernst und rettet damit die Inszenierung, die an diesem Punkt in ihrem blanken Realismus sonst kaum noch zu ertragen wäre. Verdis großartig komponierter Sturm zu Beginn wird durch den unermüdlich umherlaufenden Chor regelrecht nivelliert. Von dieser Unruhe erholt sich der Abend nur kurz im großen Liebesduett von Otello und Desdemona (von beiden ungemein stilvoll präsentiert) und vollständig erst als die immer wieder bemerkenswerte Krassimira Stoyanova als Desdemona am Schluss alles auf sich und das großartig gesungene Lied von der Weide und das Ave Maria konzentriert. Große Oper, ganz ohne Abstriche! Claudio Sgura gehen als Jago die finsteren Seiten seiner Figur noch viel zu sehr ab, das braucht viel mehr dunklen Verdi in der Stimme. Als Cassio mehr als rollendeckend besetzt ist Pavol Breslik, er hinterlässt einen sehr guten Eindruck. Das Staatsorchester spielt einen zügigen und liebevoll bis in die Details ausmusizierten Verdi, auch ein Verdienst des eingesprungenen Asher Fisch. Eine Repertoireaufführung, so raffiniert musiziert und zum großen Teil auch so gesungen, das gibt es auch in München nicht mehr so oft!

Mittwoch, 11. Januar 2012

Ich bin nicht Otello


Absurden Vorwürfen sieht sich das kleine Berliner Schloßparktheater unter seinem Intendanten Dieter Hallervorden ausgesetzt. Weil in der aktuellen Produktion Ich bin nicht Rappaport der Schauspieler Joachim Bliese rollengerecht zum Schwarzen geschminkt wird gibt es im Internet massive Rassismusvorwürfe. Die Diskussion erreicht inzwischen auch das große Feuilleton. Wenn die politisch korrekte Meinung einmal Fahrt aufgenommen hat ist sie durch nichts mehr aufzuhalten, was auch immer der Auslöser war! Erst im vergangenen Jahr kam am größten Opernhaus der Stadt eine Neuinszenierung von Guiseppe Verdis Otello heraus, in der Regie von Andreas Kriegenburg und mit einem schwarz geschminktem José Cura. Proteste sind nicht bekannt geworden. Auch der gefragte Johan Botha, einer der besten Tenöre unserer Zeit und aus Südafrika stammend, singt den Otello je nach Inszenierung geschminkt oder nicht. An der Wiener Staatsoper ist zufällig für diesen Freitag eine Wiederaufnahme geplant, die Titelpartie singt Peter Seiffert, sicher sehr gut und sicher auch geschminkt!

Donnerstag, 24. Februar 2011

ARTE überträgt Nabucco aus Rom


Am 17. März 2011 um 22.15 Uhr überträgt ARTE live aus dem Teatro dell'Opera in Rom Guiseppe Verdis Nabucco. In der Titelrolle ist der inzwischen schon legendäre Verdi-Bariton Leo Nucci (Foto) zu erleben, am Pult steht der hoffentlich wieder genesene Ricardo Muti. Anlass ist der 150. Jahrestag der italienischen Staatsgründung. Ob der auch in der Inszenierung von Jean-Paul Scarpitta deutlich wird, bleibt abzuwarten.

Donnerstag, 16. Dezember 2010

Verdi im Theater an der Wien


Bei den Wiener Festwochen startet Intendant Luc Bondy im nächsten Jahr einen Verdi-Zyklus mit der trilogia popolare des Italieners in eigener Regie am Theater an der Wien. Einmal mehr wildert damit das kleine Wiener Opernhaus im Stammrepertoire der großen Staatsoper, die sich dafür inzwischen mit einer Barocklinie schadlos hält. Den Auftakt macht Rigoletto, fortgesetzt wird ganz in der Entstehungsreihenfolge in den Folgejahren mit Il Trovatore und La Traviata. Im Verdi-Jahr 2013 ist dann hoffentlich alles komplett zu sehen. Dirigiert werden soll der komplette Zyklus von Omer Meir Wellber, der musikalischen Nachwuchshoffnung der Stunde. Unlängst hatte er an der Dresdner Semperoper mit sehr großem Erfolg die Premiere der selten gespielten Daphne von Richard Strauss dirigiert. Das komplette Programm der Wiener Festwochen findet sich hier.

Samstag, 16. Oktober 2010

Editas letzte Traviata


Sie hat die Rolle viele Jahre nicht gesungen, niemand würde wohl auch auf die Idee kommen, sie heute noch als Violetta in La Traviata zu besetzen. Aber Edita Gruberova ist längst die Einzige in ihrer eigenen Liga, Aufführungen werden für sie auf den Spielplan gesetzt. Das aktuelle Belcanto-Repertoire nicht nur in München, Wien, Zürich und Barcelona - den Stammhäusern der Diva - sähe vermutlich anders aus, würde sie sich nich seit mehr als zwei Jahrzehnten um die fast vergessenen Werke bemühen. Umjubelt ihre konzertante Lucrezia Borgia gerade an der Wiener Staatsoper, im Theatermuseum der Stadt wird sie zum 40järhigen Hausjubläum geehrt. In München, wo sie ihre Auftritte an der Staatsoper offenbar reduziert, plant sie für Anfang Dezember noch einmal zwei Auftritte in der Titelrolle von La Traviata in einer konzertanten Version in der Philharmonie im Gasteig (11./17. Dezember 2010 - die Karten werden bereits knapp). An ihrer Seite gibt der ebenfalls aus der Slowakai stammende Tenor Pavol Breslik sein Rollendebüt als Alfredo, auf unserem Foto ist er zusammen mit der Gruberova in Lucrezia Borgia an der Bayerischen Staatsoper zu sehen. Ebenfalls ein Münchner Publikumsliebling und langjähriger Bühnenpartner der Sopranistin ist Paolo Gavanelli, der als Giorgio Germont auftreten wird. Die musikalische Leitung hat Verdi-Spezialist Marco Armiliato übernommen. Auf jeden Fall steht damit eine Höhepunkt der gerade Fahrt aufnehmenden Münchner Musiksaison bereits fest. Die komplette Produktion wird am 21.12.2010 auch noch einmal im Musikverein Wien aufgeführt.

Donnerstag, 16. September 2010

Und wieder Rigoletto


Nachdem sich die Wogen über die Rigoletto-Aufführung aus Mantua mit Placido Domingo wieder gelegt haben, kündigt das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Form von arte die Übertragung einer weiteren Rigoletto-Aufführung an. Wozu Absprachen, wenn es Gebührengelder regent! Am 02.10. um 20.40 Uhr wird das Stück aus dem Teatro La Fenice (unsere Abb.) in Venedig übertragen. Diesmal in einer richtigen Operninszenierung, die von Daniele Abbado stammt, dem Sohn von Claudio Abbado, die musikalische Leitung hat Myung-Whun Chung. Am gleichen Ort wurde der Rigoletto immerhin uraufgeführt - am 11. März 1851. Die Titelrolle singt Roberto Frontali, den Herzog Eric Cutler und die Gilda Désirée Rancatore.

Montag, 6. September 2010

Rigoletto in Mantua - das war es?


Es war kein Experiment, im Gegenteil und trotzdem ist die Sache gründlich schief gegangen. Mag sich eine Tosca für eine solche filmische Liveübertragung eignen, der Rigoletto tut es nicht. Ob diese drei Akte in Mantua oder irgend einer anderen Stadt spielen, es war eigentlich nicht zu erkennen und es spielte auch keine Rolle. All das was diese Ausstattungsorgie präsentieren soll liefert Verdis Musik viel filigraner und plastischer. Und immer wenn die Inszenierung versucht besser zu sein als Verdi verliert sie alles. Bei der Mordszene am Schluss des dritten Aktes werden die Grenzen zur Peinlichkeit dann vollständig überschritten und die Schwächen der Aufführung auf das dann schon Lächerlichste deutlich. Auch filmisch spannungslose Arrangements, die Sänger schauen irgendwohin, auf der Suche nach dem Dirigentenmonitor? Von Personenführung kaum eine Spur, Ruggiero Raimondi ist ein Klischeebösewicht mit bösem Seeräuberblick und stimmlich nurmehr ein Schatten seiner selbst. Als Gilda hat Julia Novikova ein paar schöne Momente, aber zu berühren weiß ihr Gesang und ihr Spiel in keiner Minute. Ebenfalls nicht in Hochform Vittorio Grigolo als Herzog. Er bleibt Stimmträger, wird nicht zur Figur. Zum Star des Abends Placido Domingo muss gesagt werden, dass er sich mit der Übernahme dieser Rolle keinen Gefallen getan hat. Was beim Simon Boccanegra vor einem Jahr gut funktioniert hat, die fehlende baritonale Grundierung der Figur durch Identifikation wett zu machen verliert sich hier im Unverbindlichen. Er ist stimmlich kein Rigoletto und er ist leider auch nicht das Zentrum dieser Inszenierung, so wie er sich unentschlossen durch die Arrangements bewegt. Dabei müsste das doch alles um ihn herum gebaut sein! Man fragt sich als Zuschauer zu mitternächtlicher Stunde was da alles schief gelaufen ist, warum das alles so langweilig sein muss. Mit Oper hat das nicht mehr viel zu tun, soll es ja vielleicht auch gar nicht. Und die Musik? Zubin Metha hat ziemliche Probleme das alles zusammen zu halten. Eigenartige Tempowechsel nehmen der Aufführung viel von ihrer Spannung. Das Ganze ist ein Sieg der Technik über die Kunst der den Weg in eine Sackgasse weist. Den nächsten Rigoletto bitte wieder im Opernhaus!

Sonntag, 5. September 2010

Rigoletto in Mantua - Kurzkritik vom ersten Akt

Es funktioniert und es funktioniert auch wieder nicht. Immerhin kommt herüber, dass Rigoletto eine der schönsten und wirkunsvollsten Opern des Repertoires ist. Damit sich das Werk in all seiner Rafinesse und Vehemenz ausbreiten kann braucht es aber einfach ein Opernhaus mit allem drum und dran. Aber darum geht es hier nicht, das ist die Abteilung TV-Event. Die Umsetzung ist stimmungsvoll und kurzweilig, die Bilder sind gediegen, die Kostüme grenzwertig. Musikalisch bleiben einige Wünsche offen, auch das keine Überraschung. Placido Domingo spielt Placido Domingo der jetzt den Rigoletto singt und das macht er erwartetermaßen ganz gut. Er kann sich auf darstellerische Routine eines sehr langen Sängerlebens verlassen. Julia Novikova hat als Gilda einen nicht so guten Tag, sie wirkt untentschlossen und in den Situationen nicht zu Hause. Schade! Vittorio Grigolo ist ein smarter Herzog, die Partie hat man aber schon viel süffiger gehört. Und ging es nur mir so oder hat das Stück selber nicht mehr Spannung und Spektakel als diese Fernseh-Version zeigen will. Erstaunlicherweise ließ auch das Tempo im Laufe der Übertragung immer mehr nach. Das wird hoffentlich beim zweiten und dritten Akt (heute ab 23.50 Uhr im ZDF) nicht so sein!

Sonntag, 29. August 2010

Probenbilder aus Mantua


Am kommenden Wochenende singt Placido Domingo den Rigoletto in einer europaweit direkt übertragenen Inszenierung der Oper von Guiseppe Verdi am Orginalschauplatz in Mantua. Auf der ZDF-Homepage sind erste Probenfotos zu sehen. Der erste Akt wird am Samstag (04.09.) um Mitternacht gezeigt, der zweite und dritte Akt dann am darauf folgenden Sonntag (05.09.) um 23.50 Uhr.

Kurzkritik vom ersten Akt

Montag, 12. Juli 2010

Placido Domingo als Rigoletto


Er tut es wieder! Nachdem er im vergangenen Herbst in Berlin höchst erfolgreich sein Bariton-Debüt als Simon Boccanegra gegeben hat greift Placido Domingo jetzt nach einer weiteren Paraderolle im tieferen Stimmfach. Allerdings nicht auf der Bühne, sondern nur auf dem Bildschirm. Anfang September will er für eine internationale Fernsehproduktion als Rigoletto vor der Kamera stehen. Die Aufführung soll an zwei Abenden (04./05.09.2010) als Live-Opern-Film in der italienischen Stadt Mantua, dem Orginalschauplatz des Librettos, produziert werden. An der Seite von Domingo wird die junge russiche Sopranistin Julia Novikova als Gilda zu erleben sein. Sie hat die Rolle bereits mit sehr großem Erfolg an der Komischen Oper in Berlin gesungen. Den Herzog von Mantua - früher Domingos Partie - übernimmt der italienische Tenor Vittorio Grigolo. Unter der musikalischen Leitung von Zubin Metha, der einschlägige Erfahrung mit solchen Großevents hat, wird das RAI-Sinfonieorchester spielen. Partner auf deutscher Seite ist das Zweite Deutsche Fernsehen. In den vergangenen Jahren gab es vergleichbare Projekte bereits mit Direktübertragungen von Tosca aus Rom und La Traviata aus Paris. Die Ausstattung orientiert sich bei diesen Produktionen sehr stark an der Entstehungszeit der Werke und macht diese deswegen für ein breites Publikum interessant, welches das für eine unabdingbare Voraussetzung für einen gelungenen Opernabend hält. Dennoch dürfte Domingo, gerade aus einer längeren Krankheitspause zurück gekehrt, mit dieser neuen Verdi-Partie seinen Rang als Ausnahmesänger unserer Zeit einmal mehr unter Beweis stellen. Niemand wird ihm das missgönnen!

Aktuelle Ergänzungen:

Sendezeiten im ZDF:
1. Akt: Sonnabend, 03.04., 23.50 Uhr
2./3. Akt: Sonntag, 04.09., 23.50 Uhr

Probenbilder aus Mantua

Kurzkritik vom ersten Akt

Samstag, 1. Mai 2010

Edita die Ewige


Andere Sängerinnen und Sänger nehmen Auszeiten, sagen immer wieder Vorstellungen ab oder beenden ihre aktive Karriere bereits mit vierzig Jahren. So lange steht sie nun schon auf der Bühne und ein Ende ist nicht abzusehen: Edita Gruberova. Von ihren außerordentlichen Qualitäten konnte sich das Münchner Publikum jetzt wieder in der ausverkauften Philharmonie im Gasteig überzeugen. Wahnsinnszenen war das Programm übertitelt und die Gruberova brillierte einen ganzen Abend lang im italienischen Belcanto-Fach, in welchem sie seit Jahrzehnten ungeschlagen ist. Mit Ernsthaftigkeit, stupender Technik, einer atemberaubenden Präsenz auf der Bühne und einem unerreichten Gefühl für die Bedeutung jeder einzelnen Phrase macht sie aus den Arien hochspannende Minidramen und das Publikum atmet jede einzelne Note mit. Keine Koloratur ist Selbstzweck, sondern immer Ausdruck eines tiefen unteilbaren Gefühls, welches sie mit musikalischen Stilmitteln vollendet darzustellen weiß, ob als Lucia di Lamermoor, Lucrezia Borgia oder Ophelia. Die Kunst der Gruberova ist mit Worten nur schwer zu beschreiben, man muss dabei sein und sich ihrem Gesang körperlich aussetzen und wird doch nicht dahinter kommen. Es scheint paradaox, aber es ist so: Die nach wie vor vollumfängliche Beherrschung der technischen Möglichkeiten ihrer Stimme ist bei ihr mit einer Beseeltheit des Gesangs verbunden, die süchtig macht. Nicht ganz glücklich machen die Münchner Sinfoniker unter Andrej Yurkevitch, da ist zu viel Routine im Spiel, vieles hat man schon präziser und überzeugender gehört. Überraschend: In der eigentlich aus dem Rahmen fallenden Violetta aus La traviata hört man Gruberova in einer wunderbar ausgewogenen, geradezu süffigen Mittellage. Noch in diesem Jahr wird sie mit dieser Rolle - die sie schon mit Anfang zwanzig während ihres ersten Engagement im slowakischen Banská Bystrica gesungen hat - für zwei komplette konzertante Aufführungen in die Philharmonie zurückkehren. Die ungeschlagene Königin des Belcanto macht sich auf zu neuen Ufern! Dass die Gruberova mehr kann als Belcanto ist vielleicht ein bisschen in Vergessenheit geraten. Die Namen auf dem Besetzungszettel werden nicht nur die Herzen der Münchner Opernfreunde höher schlagen lassen: Pavol Breslik, Paolo Gavanelli und Kurt Rydl. Es dirigiert Marco Armiliato. Das wird eine Sternstunde mit Ansage und sicher werden auch dann wieder zum Applaus die "Edita" - Transparente entrollt!

Sonntag, 17. Januar 2010

Als wärs von Schiller


Das Repertoire blüht an der Bayerischen Staatsoper in München: Guiseppe Verdis großes Opernmonument Don Carlos bewegt und berauscht wie so oft mit außerordentlichen musikalischen Leistungen. Im Laufe des Abends entsteht ein Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Allen voran Publikumsliebling Anja Harteros als Elisabeth von Valois mit traumhaft klaren Pianopassagen und einem sich in lichte Höhen hinaufschwingenden Sopran. Hierzulande ist sie im Moment ohne Konkurrenz in ihrem Fach. Intensiv gerät die erste Begegnung mit dem energetischen Carlos, dem Yonghoon Lee kraftvolle Spitzentöne mitgibt. Der junge Sänger fängt stark an und lässt über den langen Abend nicht nach, ein Carlos nicht nur im Verdischen sondern auch im Schillerschen Sinn. Respekt für ein gelungenes Debüt! Ebenso gelungen der Rodrigo des Briten Simon Keenlyside, er beeindruckt mit nobler, präziser Stimmführung und einer plausiblen heutigen Figurenzeichnung. Selten wird diese schwierige Rolle so umfassend bewältigt. Schön anzusehen ist auch die unpathetisch interpretierte Zweiergeschichte von Carlos und Posa. Bei Matti Salminen als Philipp II. bleiben ein paar Wünsche offen, eine große Sängerpersönlichkeit ist er auf jeden Fall noch immer, die Figur bleibt aber im Statuarischen und das stimmliche Differenzierungsvermögen lässt spürbar nach. Verpasst hier wieder mal ein großer Künstler ein würdiges Karriereende? Im Orchestergraben herrscht italienische Spannung, große Bögen wechseln mit raffinierten Details, ein Verdienst des erwiesenen Verdi-Spezialisten Marco Armiliato, der sich zielsicher und ausgewogen zwischen heller Durchhörbarkeit und düsterem Geheimnis bewegt. Die szenischen Einrichtung von Jürgen Rose ist zu ästhetisch, um als Mummenschanz zu gelten, will aber auch nicht mehr, als die Geschichte mit einer religiösen Grundierung zu erzählen. Ein bisschen mehr Psychologie würde der Stoff sicher vertragen und eine richtige Konzeption könnte durchaus treffsicher ins Heute zielen. So verbleiben schöne Kostüme und spannende Arrangements mit dem Hang zur Beliebigkeit, welche aber die Musik nicht stören, im Gegenteil. Das ist doch auch was!

Mittwoch, 28. Oktober 2009

Der Debütant


Nach mehr als einhundertdreißig Rollen als Tenor gab Placido Domingo in Berlin sein Debüt als Bariton. Weitere Auftritte in der Rolle des Simon Boccanegra sind in den nächsten Monaten für Zürich, Madrid, London und New York geplant.

Es war ein außerordentlicher, ein fantastischer Abend. Placido Domingo wagt einiges und gewinnt alles, nicht nur das Publikum, dass ihm ohnehin mehr als gewogen ist. Sein Simon Boccanegra ist die authentische Studie eines zwischen Staatsräson und Lebensglück zerrissenen Menschen. Er hat viele wunderbare, konzentrierte Momente, auch dann wenn er gerade nicht singt, aber wenn er das tut, dann ist sofort der Domingo-Zauber da. Strahlend und souverän und mit unverwechselbarem Glanz, dabei nie auftrumpfend, sondern immer um die Figur kämpfend. Ein weiterer Höhepunkt in einer jetzt schon unendlich andauernden Sängerlaufbahn und vielleicht auch ein Stück Operngeschichte. Um ihn herum wurde eine Sängerensemble aufgeboten, bei welchem keine Abstriche gemacht werden müssen: Anja Harteros singt schon seit einiger Zeit in eigenen Liga, wo gibt es im Moment einen kraftvolleren, versierteren Verdi-Sopran? Mit beeindruckender Klangkultur überzeugt wiederrum Kwangchul Youn und mit raumgreifender Tenorstimme Fabio Sartori. Großartig auch Hanno Müller-Brachmann in seiner ersten Verdi-Rolle mit Charisma und kerniger Stimme (ihm gelingt es am ehesten das eigentümliche Regiekonzept umzusetzen, welches sich ausschließlich auf historische Bebilderung kapriziert und diese dann nur völlig unspannend auf die Bühne bringt) und Alexander Vinogradow. Zum musikalischen Triumph wird die Aufführung durch das, was aus dem Graben strömt. Daniel Barenboim verzichtet fast vollständig auf seine so gefürchteten Tempiwechsel und Aufbrausereien und dirigiert einen klaren, beinahe durchsichtigen Verdi und die Staatskapelle Berlin geht mit einer italianita zu Werke, welche man so in der Lindenoper noch nie gehört hatte. Es wurde ein großer, ein unvergesslicher Abend, der über weite Strecken reines zauberhaftes Opernglück bescherte. Die Legende lebt!

Donnerstag, 19. März 2009

Der Mensch ist als Narr geboren

Einem letzten Werk wird immer unterstellt Vermächtnis des Künstlers zu sein. Im Falle von Guiseppe Verdis "Falstaff" kommt noch hinzu, dass es sich um eine der wenigen heiteren Oper des Komponisten handelt. Auch musikalisch hat sie im umfangreichen Gesamtschaffen Verdis eine Ausnahmestellung inne. Öffnet er doch mit ihr die Tür zur Opernmoderne des zwanzigsten Jahrhunderts, durch die dann immer wieder besonders erfolgreich Richard Strauss gegangen ist. Er gehörte zu den großen Bewunderern der Partitur, "Der Rosenkavalier", "Ariadne auf Naxos" und "Capriccio" nehmen in Stimmführung und Orchestrierung immer wieder Anleihen aus dem "Falstaff" auf.



Der Falstaff ist in der Oper wie im Schauspiel schwierig zu besetzen, denn der Bauch täuscht, genau wie die burleske Charakterisierung! Die Rolle bedarf eines differenzierenden Darstellers, der sowohl die Bräsigkeit, wie auch die Schlitzohrigkeit der Figur über die Rampe bringt. Dazu braucht es eine enorme Präsenz und sowohl Bühnen- wie auch Lebenserfahrung. Mit Alan Titus steht in der aktuellen Vorstellungsserie an der Wiener Staatsoper so etwas wie eine Idealbesetzung auf der Bühne. Sein Falstaff denkt erst und handelt dann, er hat Charme, Witz und Methode und eine Beweglichkeit, die man bei Titus Auftritten als Hans Sachs oder Wotan nie vermutet hätte. Mit großer, beweglicher und auch über weite Strecken durchdringender Stimme bewältigt er die anspruchsvolle Partie. Titus verfügt aber auch über ein bemerkenswertes Piano, er teilt sich den Abend clever ein und kann so manche Schwäche auf der langen Reise geschickt kaschieren.

Fabio Capitanucci
als Gegenspieler Ford ragt mit der italinata seiner Stimme aus dem soliden Restensemble heraus, dessen Gesang stilistisch dann doch ziemlich auseinander fällt. Man wünscht sich gelegentlich einen komplett "italienisch" besetzten Falstaff, gerade wegen der die Bühnenhandlung so kongenial tragenden Musik Verdis. Diese wird von Marco Armiliato mit Tempo und Umsicht und zum großen Teil auch recht sängerfreundlich dirigiert. Die Spielfreude auf der Bühne setzt sich im Graben fort. Viele schön ausmusizierte Details machen das Zuhören zum Genuss. Das gilt auch für das Zuschauen: Regisseur und Bühnenbildner Marco Arturo Marelli hat eine Aufführung mit außerordentlichem Schauwert geschaffen, die sich vordergründiger Aktualisierungen enthält und so die Reife genauso wie die Rätselhaftigkeit des Werkes schön zur Geltung kommen lässt.



Oper als Menschentheater, denn auch im Leben kommt es mitunter ganz anders als man denkt - und wenn sich am Schluss über allem der Vorhang schließt steht das Credo in großen Lettern geschrieben: Tutto nel mondo è burla. Alles ist Spaß auf Erden und der Mensch als Narr geboren!

Wiener Staatsoper,
besuchte Vorstellung: 17. März 2009

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