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Dienstag, 3. November 2009

Lohengrin wieder an der Staatsoper in Berlin



Zur Enttäuschung wurde die Wiederaufnahme des Lohengrin an der Berliner Staatsoper, den Regisseur Stefan Herheim dort im Frühjahr herausgebracht hatte. Das lag vor allem an Daniel Barenboim, der wohl in seinem gegenwärtig äußerst dichten Berliner Terminkalender zu wenig Zeit für ausreichende Proben gefunden hat. So kommt es immer wieder zu Abstimmungsproblemen zwischen Bühne und Graben und so etwas wie Magie will sich nicht einmal für Momente einstellen. Die fehlende Spannung kann auch die Inszenierung nicht wettmachen, hier läuft vieles ins Leere, wirkt zufällig und ausgedacht. Die Aktion siegt über den Inhalt, der hat nie eine ernste Chance. Vielleicht braucht eine so zugreifende Interpretation einfach den Premierenhype um richtig wirken zu können oder die ordnende und schärfende Hand des Regisseurs bei der Wiederaufnahme (doch der war ja gerade in Stuttgart mit dem Rosenkavalier beschäftigt). Das Rollendebüt von Haustenor Burkhard Fritz als Lohengrin ist gelungen, aber auf jeden Fall noch ausbaufähig, bei ihm war viel Nervosität im Spiel. Anna Samuil hat (nicht ganz überraschend) Schwierigkeiten der Elsa-Figur auch ambivalente Seiten abzugewinnen, sie ist stilistisch einfach auch keine Wagner-Sängerin. Auch die Ortrud von Deborah Polaski überzeugt nur teilweise und Artu Kattaja als Heerrufer ist schlicht fehlbesetzt. Wiederrum eine ganz sichere Bank Kwangchul Youn als König Heinrich, das kann zur Zeit kaum jemand besser und so gab es in einer sehr mittelmäßigen Vorstellung wenigstens einen Lichtblick!

Samstag, 17. Oktober 2009

Als wärs nur ein Schauspiel von heute

Janaceks Oper "Jenufa" gehört zu den gelungensten Musikdramen des tschechischen Komponisten. Seit diesem Frühjahr steht das Werk nach langer Pause wieder in einer Neuinszenierung an der Bayerischen Staatsoper auf dem Spielplan. Leider ist es Regisseurin Barbara Frey nicht gelungen, für die Komplexität der Geschichte und die schroffe Schönheit der Musik eine adäquate Umsetzung zu finden. Das wird auch bei der gerade laufenden Reprise mit fünf Vorstellungen deutlich.


Die geschätzte Sängerin Eva-Maria Westbroek auf einem Pappstein.

Der Abend enttäuscht, aber nicht auf der ganzen Linie. Das ist dem hervorragend aufspielenden Staatsorchester unter der außerordentlich präzisen Leitung von Tomás Hanus zu verdanken. Mit kammermusikalischer Durchdringung und großem Verve wird der Variantenreichtum und die Virtuosität der Partitur deutlich. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass es sich bei Jenufa um ein zentrales Werk der Opernliteratur handelt, spätestens damit wäre er erbracht. Nicht ganz den hohen Erwartungen gerecht wird Eva-Maria Westbroek in der Titelrolle, sie legt die Jenufa durchweg kraftvoll und dramatisch an, die innerlichen Töne fehlen mitunter spürbar. Auch im Spiel wirkt manches erstaunlich grob. Ebenfalls im wagnerschen Geiste legt Deborah Polaski die Küsterin an. Sie tut das mit viel Emphase und den ihr zu Gebote stehenden darstellerischen Mitteln, richtig glücklich wird man mit dieser Version der Figur nicht, aber sie singt durchaus überzeugend. Oft ein Problem: die beiden Männerrollen. Hier überhaupt nicht. Sowohl Jorma Silvasti wie auch Brandon Jovanovich überzeugen mit Spielfreude und stimmlichen Kapazitäten. Von Helga Dernesch als Alter Buryja ist nur wenig zu hören, ihr Auftritt hat leider nur nostalgischen Wert.


Vertrackte Familienverhältnisse in tschechischer Schärenlandschaft.

Man könnte meinen, dass eine in der Oper debütierende Regisseurin mit der Frauen-Oper Jenufa viel anzufangen wüsste, das ist aber in diesem Fall nicht so. Barbara Frey arrangiert belangloses Rampentheater, findet erschreckend konventionelle Arrangements in den Chorszenen und hält sich von jeglicher tiefer schürfenden Deutung zurück. Dazu kommen viele kleine handwerkliche Fehler, unlogische Auftritte und ein Bühnenbild dass in seiner Kulissenhaftigkeit (Bettina Meyer) schon einfältig zu nennen ist. Leere Ölfässer sind in eine Felslandschaft drapiert in der erst kein Haus, dann ein Haus und dann ein halbes Haus steht. Man versteht sofort was gemeint ist, sinnhaft zusammen fügen will sich das Ganze nicht. Der Versuch einer sozialen Charakterisierung wirkt unbeholfen und macht das Geschehen eindimensional und vorhersehbar. Auch zu den verstrickten Familienverhältnissen der Figuren verhält sich die Aufführung kaum.


Auch das kleine Glück ist nicht jedem gegönnt.

Es sieht ganz so aus, als ob das Werk von der Regisseurin kolossal unterschätzt wurde. Barbara Frey hat die große Oper wie ein kleines Schauspiel inszeniert, ohne Sinn für die dynamischen Qualitäten, die in der Musik und in der Geschichte liegen. Und nicht nur deswegen kann sich die ganze dramatische Vehemenz des Geschehens auf der Bühne so schwer entfalten. Fast alles bleibt hier Behauptung. Eine Jenufa-Aufführung, die nicht mindestens berührt, wenn nicht gar verstört hat ihr Ziel verfehlt - eine Jenufa-Aufführung die langweilt ist einfach nur ärgerlich.

Dienstag, 2. Juni 2009

Der Rest ist Schweigen

Die allerletzte Regieanweisung in der Partitur von Richard Strauss "Elektra" lautet Stille, dann fällt der Vorhang. Es ist etwas zu Ende gegangen. Hundert Jahre nach der Uraufführung stand das monumentale Musikdrama jetzt in zwei bemerkenswerten Repertoire-Aufführungen auf dem Spielplan der Staatsoper Unter den Linden Berlin.


Vergiss das Hackebeil nicht, wenn du zum Brunnen gehst...

In kaum einer der Elektra-Vorstellungen der letzten Jahre ist es gelungen, ein so hervorragendes Sängerinnen-Trio zu verpflichten. Mit Deborah Polaski steht für die Titelrolle eine erprobte Sängerdarstellerin zu Verfügung, die sich mit kontrollierter Emphase in die Partie wirft. Ihr gelingen auf diese Weise viele wunderbare Momente der Innerlichkeit, die sie mit einer wunderbaren Linienführung und überraschenden Piani beglaubigt. Das gleiche gilt für Anne Schwanewilms als fahrige Schwester Chrysothemis, sie steigert sich regelrecht in die Rolle hinein und gibt der Figur in ihrem ungebrochenen Lebenswillen eine existenzielle Dimension - und sie singt (!) das alles ganz großartig, mit viel Engagement, beipsielhaft! Das kann auch Jane Henschel für ihre Klytämnestra für sich in Anspruch nehmen. Mit beeindruckender Bühnenerscheinung und stimmlich in hervorragender Form macht sie die Verletzungen und die Tragik der versagenden Mutter deutlich. Auch für sie gilt: es wird gesungen - nicht, wie so oft nur deklamiert. Viele große Momente des Aufeinanderhörens, das ist selten. Stimmlich passen die drei Sängerinnen bermerkenswert gut zusammen und man kann wie auf einem Tableau drei Ausprägungen weiblicher Handlungsdynamik verfolgen und - wenn man will - verstehen. Das funktioniert durchweg so gut, dass man es kaum glauben kann und geht weit über den von der Inszenierung vorgelegten Deutungshorizont hinaus. Von dieser (vor mehr als einem Jahrzehnt von Dieter Dorn eingerichtet) bleiben nicht mehr als Arrangements, die sich dicht an der Angaben der Partitur halten. Zumindest die hektische Atmosphäre des Nachts am Hofe zeigt sich durch die kurzen und zügigen Auftritte der Nebenfiguren immer noch sehr eindrücklich. Aus dem Ensemble müssen Hanno Müller-Brachmann (Orest) und Rainer Goldberg (Aegisth) genannt werden, beide hier mit "großen" kleinen Auftritten - wie gewohnt auf den Punkt präzise und mit hervorragender Stimmkultur. Zusammengehalten wird das Geschehen aber durch die Staatskapelle Berlin im Orchestergraben unter der Leitung von Michael Boder. Dessen kluges und zugreifendes Dirigat bescherte einen großen Opernabend, der ein richtiges Erlebnis wird, welches eine Weile vorhalten muss, denn in der kommenden Saison planen weder die Staatsoper, noch die Deutsche Oper eine Elektra-Vorstellung. Warum eigentlich?

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