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Donnerstag, 19. März 2015

Jonas Kaufmann singt Siegmund in Baden-Baden














Im Sommer 2016 wird Jonas Kaufmann in zwei konzertanten Aufführungen von Richard Wagners Die Walküre im Festspielhaus Baden-Baden als Siegmund zu hören sein. Die musikalische Leitung der Aufführungen hat Valery Gergiev inne, es spielt das Orchester des Marinskij-Theaters St. Petersburg - man weiß in Baden-Baden schließlich, was man seinem Publikum schuldig ist. Bislang hatte Jonas Kaufmann die Partie nur an der Metropolitan Opera in New York gesungen, er ist derzeit ohne Zweifel eine der wenigen Idealbesetzungen in dieser Rolle. An seiner Seite sind René Pape als Wotan, Eva-Marie Westbroek als Sieglinde und Evelyn Herlitzius als Brünnhilde zu erleben. Der Mitschnitt einer Aufführung in St. Petersburg mit Kaufmann und Pape aus dem Jahr 2012 ist auf CD erschienen.

Sonntag, 15. August 2010

Ein Kammerspiel in Breitwand


Man kann Regisseur Nikolaus Lehnhoff für diese Elektra im Großen Festspielhaus zu Salzburg gar nicht dankbar genug sein! Er machts nichts weniger, als dieses Schlüsselwerk des Musiktheaters des zwanzigsten Jahrhunderts wieder auf sich selbst zurück zu führen und stellt damit den Blick frei für eine völlig neue, unverbrauchte Sicht auf die Oper. Er liest Elektra als Kammerspiel (was die Theatervorlage ja auch ist) und macht daraus ein breites, existenzielles Tableau. Fast den ganzen Abend herrscht Dämmerung, kein Scheinwerfer wirft ein klärendes Licht von außen. Unerbittlich läuft das Geschehen und offenbart sich aus sich selbst. Die Welt ist nicht aus den Fugen, sie bleibt außen vor. Die großartige Bühne, ein gedehnter Unraum, den sich Elektra selbst erschaffen hat, nur sie. Anders kann sie nicht existieren. Zeit ist ihr nichts, ihre Rache alles. Lehnhoff und sein Bühnenbilder Raimund Bauer verzichten auf alle überstarken Setzungen und bieten den Sängern breiten Entfaltungsraum. Dennoch ist ihr Zugriff nicht zurückhaltend, im Gegenteil. Psychoanalytisch grundiert wird hier in aller Klarheit eine Geschichte aufgestellt, die es in sich hat, bei der man beim bloßen Zusehen fröstelt. Vielleicht das Wichtigste: Nie gerät das Geschehen auf der Bühne in Konkurrenz mit der Musik und bleibt doch immer mit ihr auf engste verknüpft. Das Opernregie eine Kunst ist - hier, in dieser Elektra sieht man es wieder auf das Schönste!

Lang erwartet wurde das Debüt von Waltraud Meier als Klytämnestra. Das hat sich gelohnt, was diese Ausnahmesängerin aus der Rolle macht ist bemerkenswert. Da steht keine Furie auf der Bühne, sondern eine desolate, bedürftige Frau, die sich jeder Situation ausliefern würde, um Ruhe zu finden. Die Meier macht das durchaus mit der ihr eigenen Noblesse und Grandezza, aber auch mit frappierender Detailgenauigkeit in der Darstellung und ohne die Figur auch nur in einem Moment zu verraten. Und auch das ist eine neue Erfahrung: Man kann die Klytämnestra singen und zwar jeden Ton, wenn man kann! Schon das lohnt die nicht ganz preiswerte Karte! Irene Theorin als Elektra liefert eine plausible Studie einer im selbsterrichteten Gefängnis gefangenen Frau. Ihre Situation ist ausweglos, ihre Rache Selbstzweck. Sängerisch kommt sie gut durch die Mammutpartie, in der Mittellage muss man bei ihr immer Abstriche machen und auch bei der Textverständlichkeit. Dennoch kann ihre Interpretation das Prädikakt "rollendeckend" in Anspruch nehmen, nicht zuletzt wegen der Fachvertreterinnen, die sonst mit der Rolle betraut werden. Als Chrysothemis überzeugt einmal mehr Eva-Maria Westbroek, die mit der Partie vor mehr als zehn Jahren ihren Durchbruch geschafft hatte. Aufgrund der vielfältigen stimmlichen Möglichkeiten steht ihr inzwischen ein breites Repertoire offen. Vielleicht sollte sie demnächst zur Rolle der Elektra wechseln, das wäre früh, aber konsequent. René Pape als Orest ist eine absolute Luxusbesetzung, der Sänger könnte mit seiner stimmlichen, wie darstellerischen Präsenz wohl jeden Abend tragen. Hier agiert kontrolliert und gefährlich, schon mit seinem Auftreten kommt eine andere Temperatur ins Geschehen. Der schreit nicht nach Rache wie Elektra, der tut es und der wird auch nicht aufhören. Mit einer subtilen Personenführung schärft die Regie hier die Handlung weit über das eigentliche Stück hinaus. Eher enttäuschend der Aegisth von Robert Gambill, man muss wohl sagen der ehemalige Heldentenor, der in Auftritt und Gesang farblos bleibt. Die kleineren Partien leisten einen substantiellen Beitrag, können aber schon vom Stück her kaum eigene Akzente setzen.

Die Wiener Philharmoniker spielen unter Danielle Gatti einen sehr ausgereifte, nicht vorschnell in eine Richtung getriebenen Strauss. Das ist alles sehr laut, aber dennoch differenziert und in den Details hörbar. Vielleicht könnte man sich für ein paar Momente eine etwas größere Sängerfreundlichkeit wünschen. Den breiten, sinfonischen Ansatz wandelt Gatti im Laufe das Abends zu einem musiktheatralischen, das funktioniert dann wirklich gut. Mitunter gerät das dann kraftvoll auftrumpfend und gemahnt an Guiseppe Verdi. Man hat schon andere Interpretationen gehört, aber diese ist auf jeden Fall auch eine gültige und passt perfekt in den Raum des Großen Festspielhauses. Vielleicht ist es zu hoch gegriffen, diese Inszenierung als die Aufführung des Jahres zu betiteln, aber in Salzburg wird wieder Richard Strauss gespielt. Und wie!

Samstag, 17. Oktober 2009

Als wärs nur ein Schauspiel von heute

Janaceks Oper "Jenufa" gehört zu den gelungensten Musikdramen des tschechischen Komponisten. Seit diesem Frühjahr steht das Werk nach langer Pause wieder in einer Neuinszenierung an der Bayerischen Staatsoper auf dem Spielplan. Leider ist es Regisseurin Barbara Frey nicht gelungen, für die Komplexität der Geschichte und die schroffe Schönheit der Musik eine adäquate Umsetzung zu finden. Das wird auch bei der gerade laufenden Reprise mit fünf Vorstellungen deutlich.


Die geschätzte Sängerin Eva-Maria Westbroek auf einem Pappstein.

Der Abend enttäuscht, aber nicht auf der ganzen Linie. Das ist dem hervorragend aufspielenden Staatsorchester unter der außerordentlich präzisen Leitung von Tomás Hanus zu verdanken. Mit kammermusikalischer Durchdringung und großem Verve wird der Variantenreichtum und die Virtuosität der Partitur deutlich. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass es sich bei Jenufa um ein zentrales Werk der Opernliteratur handelt, spätestens damit wäre er erbracht. Nicht ganz den hohen Erwartungen gerecht wird Eva-Maria Westbroek in der Titelrolle, sie legt die Jenufa durchweg kraftvoll und dramatisch an, die innerlichen Töne fehlen mitunter spürbar. Auch im Spiel wirkt manches erstaunlich grob. Ebenfalls im wagnerschen Geiste legt Deborah Polaski die Küsterin an. Sie tut das mit viel Emphase und den ihr zu Gebote stehenden darstellerischen Mitteln, richtig glücklich wird man mit dieser Version der Figur nicht, aber sie singt durchaus überzeugend. Oft ein Problem: die beiden Männerrollen. Hier überhaupt nicht. Sowohl Jorma Silvasti wie auch Brandon Jovanovich überzeugen mit Spielfreude und stimmlichen Kapazitäten. Von Helga Dernesch als Alter Buryja ist nur wenig zu hören, ihr Auftritt hat leider nur nostalgischen Wert.


Vertrackte Familienverhältnisse in tschechischer Schärenlandschaft.

Man könnte meinen, dass eine in der Oper debütierende Regisseurin mit der Frauen-Oper Jenufa viel anzufangen wüsste, das ist aber in diesem Fall nicht so. Barbara Frey arrangiert belangloses Rampentheater, findet erschreckend konventionelle Arrangements in den Chorszenen und hält sich von jeglicher tiefer schürfenden Deutung zurück. Dazu kommen viele kleine handwerkliche Fehler, unlogische Auftritte und ein Bühnenbild dass in seiner Kulissenhaftigkeit (Bettina Meyer) schon einfältig zu nennen ist. Leere Ölfässer sind in eine Felslandschaft drapiert in der erst kein Haus, dann ein Haus und dann ein halbes Haus steht. Man versteht sofort was gemeint ist, sinnhaft zusammen fügen will sich das Ganze nicht. Der Versuch einer sozialen Charakterisierung wirkt unbeholfen und macht das Geschehen eindimensional und vorhersehbar. Auch zu den verstrickten Familienverhältnissen der Figuren verhält sich die Aufführung kaum.


Auch das kleine Glück ist nicht jedem gegönnt.

Es sieht ganz so aus, als ob das Werk von der Regisseurin kolossal unterschätzt wurde. Barbara Frey hat die große Oper wie ein kleines Schauspiel inszeniert, ohne Sinn für die dynamischen Qualitäten, die in der Musik und in der Geschichte liegen. Und nicht nur deswegen kann sich die ganze dramatische Vehemenz des Geschehens auf der Bühne so schwer entfalten. Fast alles bleibt hier Behauptung. Eine Jenufa-Aufführung, die nicht mindestens berührt, wenn nicht gar verstört hat ihr Ziel verfehlt - eine Jenufa-Aufführung die langweilt ist einfach nur ärgerlich.

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