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Montag, 15. August 2016
Mariss Jansons dirigiert Opern in Salzburg
Der weithin geschätzte Maestro Mariss Jansons kann aufgrund seiner umfangreichen Verpflichtungen bei diversen Spitzenorchestern im sinfonischen Bereich viel zu selten für die Übernahme von Operndirigaten gewonnen werden. Der neue Chef der Salzburger Festspiele Markus Hinterhäuser hatte offenbar Überzeugungskraft und Glück: Wie bereits durchgesickert ist (die offizielle Verkündung des Programms findet erst im Herbst statt) wird Jansons im kommenden Jahr eine Neuproduktion von Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzensk dirigieren. Eine reizvolle Aufgabe für den akribisch arbeitenden Schostakowitsch-Experten, Regie soll Andreas Kriegenburg führen. Interessante Vergleichsmöglichkeiten ergeben sich für das Publikum, weil die Bayerischen Staatsoper für diesen Herbst eine Neuproduktion eben desselben Stückes ankündigt, mit Kirill Petrenko im Graben und Harry Kupfer am Regiepult. Für den Sommer 2018 kehrt Jansons erneut zu den Salzburger Festspielen zurück, dann steht Tschaikowskis Pique dame auf dem Programm. Die aktuelle Produktion des Stückes aus Amsterdam, ebenfalls mit Mariss Jansons als Dirigenten, kann derzeit auf The Opera Platform abgerufen werden.
Freitag, 5. Juni 2015
DIe Akte Tschaikowsky auf ARTE
Der russische Komponist Peter Tschaikowsky (1840-1893) war schwul und hat das auch lustvoll ausgelebt, zumindest über lange Phasen seines Lebens. Er kannte und schätzte die entsprechenden Subkulturen in Rom, Florenz, Berlin und Paris. Für die russische Öffentlichkeit und für manche Musikfreunde mag das schwer zu akzeptieren sein, das ändert aber nichts an der Tatsache. Direkt und unverblümt hat sich Tschaikowsky immer wieder in Briefen an seinen ebenfalls schwulen Bruder geäußert, über schnelle Affären genauso wie über seine Zweckehe, die er später einzugehen glauben musste, als der Erfolg ihn in der Öffentlichkeit immer bekannter machte. In der ARTE-Mediathek ist derzeit ein gelungene Annäherung an die komplexe Person des Komponisten zu sehen, zu Wort kommen neben Musikwissenschaftlern und Psychologen auch der Organist Cameron Carpenter und Vladimir Malakhov, der ehemalige Chef des Berliner Staatsballetts.
Samstag, 10. April 2010
Eugen Onegin im Fernsehen

Heute abend um 20.15 Uhr zeigt der Kulturkanal 3sat einen Mitschnitt der Salzburger Produktion von Eugen Onegin aus dem Jahr 2007. In der Regie von Andrea Breth und unter der musikalischen Leitung von Daniel Barenboim singen Anna Samuil (Tatjana, Foto), Peter Mattei (Onegin), Ekatarina Gubanova (Olga), Joseph Kaiser (Lenski) und Renée Morloc (Larina), sowie Feruccio Furlanetto den Fürsten Gremin. Die Aufführung erzeugte nach ihrer Premiere eher gemischte Reaktionen. So lobte das Hamburger Abendblatt den handwerklichen Umgang der Regisseurin mit dem Stück: Breth schafft es mit fast schon komödiantisch leichter Hand, diese große, schwermütige Oper von ihrer zaristischen Steifheit zu befreien und wie ein Ibsen-Kammerspiel zu erzählen. Genau das macht der Berliner Tagesspiegel aber der Aufführung zum Vorwurf: Schonungslos will diese Produktion die lebensfeindliche Gesellschaft durchleuchten – und verzettelt sich, bei aller feinen Beobachtungsgabe Andrea Breths, optisch doch in einem Ästhetizismus der alten Schaubühne. Auch die Tageszeitung Die Welt sieht das Ganze eher kritisch: So wie Daniel Barenboim, der es später auch dramatisch effektvoll, aber leer krachen lässt, durch eine undurchsichtig bräsige Tschaikowski-Lesart enttäuscht, die die oft unsauberen Philharmoniker zusätzlich verwässern, so erzählt auch Andrea Breth auf hohem Niveau wenig Neues. Zumindest für das Fernsehen sollte eine psychologisch durchgebaute und auf Bildwirksamkeit bedachte Inszenierung gut funktionieren und für einen anregenden Abend sorgen. Auch ist die Zusammenarbeit zwischen Barenboim und Breth so gut gewesen, dass Sie im kommenden Jahr ihre Fortsetzung findet. Zu den ersten Festtagen der Staatsoper Unter den Linden im Ausweichquartier Schillertheater im Frühjahr 2011 inszeniert Andrea Breth den Wozzeck von Alban Berg, am Pult natürlich Daniel Barenboim.
Montag, 9. November 2009
Onegins Alptraum(a)

Man kann der Münchener Inszenierung von Krzysztof Warlikowski - die gerade wieder für einige Aufführungen zu sehen war - vieles vorwerfen, wenn man denn will. Sie verzichtet auf manches, was gern mit Eugen Onegin verbunden wird. Russisches Landkolorit sucht mal genauso vergelblich, wie prachtvoll ausgespielte Tanzbilder. Dennoch ist die Lesart schlüssig. Der Regisseur versucht das Stück konsequent - aber auf interessante Weise indirekt - aus der Biografie Tschaikowskys zu entwickeln. Auf diese Weise legt er Unschärfen frei, über die sonst leichtfertig hinweg gegangen wird und wagt einen zweiten Blick auf die Konstellation und Dynamik der Figuren, der durchaus reizvoll ist. Das Duell zwischen Onegin und Lenski ist Kulmination einer nicht gelebten Liebesbeziehung der beiden. Onegin greift zur Pistole, wenn Lenski ihm zu nahe kommt. Dann sind wir aber schon längst in dessen Alptraum eingtaucht, der vielleicht in Tatjanas Briefszene beginnt, die Onegin mit ihrer Hier stehe ich und kann nicht anders. - Pose gehörig unter emotionalen Druck setzt, für den er kein Ventil findet. Die Frauen Tatjana und Olga stehen hier nicht im Zentrum, beide sind trotzdem nicht zu Randfiguren degradiert. Warlikowski legt auf geschickte Weise immer wieder neue Bedeutungslinien fest, deren Verknüpfungen nach und nach deutlich werden. Das Skandalon ist nicht Tschaikowskys (übrigens auch von ihm selbst nicht verheimlichte) Homosexualiät, sondern die Unerbittlichkeit und die Unlösbarkeit der emotionalen Verwerfungen der Figuren, die immer auch als ganz existenteillen Verlängerungen von Lebensmustern ihres Autors gelesen werden können. Das ist genau die Weise, auf welche der Komponist sein Werk verstanden wissen wollte - es war eben nicht eine weitere große russische Oper die Tschaikowsky komponiert hat, sondern lyrische Szenen. Die legt Warlikowksy durchaus groß an: In ungastlichen verglasten Innenräumen kommt die Handlung immer wieder förmlich zum Stehen, müssen die Figuren sich ihr Weiterleben erkämpfen. Das Leben ist hier kein Spiel, es ist ein Kampf. Mit der Polonaise am Beginn des dritten Aktes wandelt sich dieser Raum dann mit einem merkwürdig gebremsten, aber umso eindrücklicheren Männerballett endgültig zum gespenstischen Alptraumort. Erstauntlich wie fest sich das Bild der schwulen Cowboys aus dem Brokeback Mountain bereits in die zeitgenössische Ikonografie eingeschrieben hat. Nur viel weniger überzeugen kann die musikalische Seite der Aufführung. Michael Volle singt einen noblen, kraftvollen Onegin, weniger Wohlmeinende könnten seiner Darstellung auch eine gewissen Blasiertheit entnehmen. Er wird die Rolle wohl nicht mehr ewig im Repertoire halten. Die anderen Partien sind eher durchschnittlich besetzt, in Erinnerung bleibt kaum etwas. Der junge russiche Dirigent Dimitri Jurowski müht sich sichtbar, der Partitur gerecht zu werden. Er reagiert mehr, als dass er selber Herr des Geschehens wäre und bleibt so viel kammermusikalische Glut schuldig, die gerade in dieser Aufführung wichtig wäre. Er hat noch nicht die Kragenweite seines älteren Bruders Wladimir oder gar seines Vaters Michail Jurowski, ein paar Saisonen kapellmeisterliche Provinzerfahrung sollte für ihn der richtige Weg sein.
Sonntag, 26. Juli 2009
Drei Karten
Vor einigen Tagen konnte man unter den vermischten Kulturmeldungen lesen, dass der musikalische Leiter des Bolschoi-Theaters Alexander Verdernikow aus Protest gegen die Verzögerungen und Einsparungen bei der Generalsanierung des Moskauer Hauses seinen Rücktritt eingereicht hat. Um so mehr überraschte es, den Namen des Dirigenten am selben Abend auf dem Besetzungszettel der Komischen Oper Berlin zu finden.
Dort dirigierte er die letzte Saisonvorstellung der aktuellen Inszenierung von Tschaikowskis Pique Dame und zwar mit Umsicht und Brillianz, großen Bögen und Sinn fürs Detail. Musikalisch war das einer der besten Abende in der Komischen Oper in der laufenden Saison, was da für ein filigran und dicht gewebter Klangteppich aus dem Orchestergraben wogte, wie der Reichtum der Partitur deutlich wurde und wie engagiert die Musiker bei der Sache waren, das ließ schmerzliche Erinnerungen an den vormaligen musikalischen Leiter Kyrill Petrenko aufkommen. Bei ihm waren solche Abende Alltag. Mit Robert Künzli als Hermann und Elena Semonova als Lisa waren die Hauptrollen gut besetzt, der Rest des umfangreichen Ensembles zeigt sich souverän und prägnant (besonders Mirko Janiska als Jeletski).

Der große Auftritt der Gräfin ist auch ohne Anja Silja ein Ereignis, Eva Gilhofer gurrt und wispert und ist ganz die große Verführerin. An dieser Stelle geht auch das Konzept von Regisseur Thilo Reinhardt bestens auf, die Oper als Psychogramm des unglücklich Liebenden Hermann anzulegen, der erst dann zum Spieler wird. Das ist näher an Tschaikowski und auch an der Puschkinschen Vorlage, als viele andere Interpretationen. Von wenigen Akzenten abgesehen gibt sich die Inszenierung angenehm zurückhaltend, die Geschichte wird durch die vielgestaltige Musik erzählt und vorangetrieben. Die Entscheidung im postsowjetisch angehauchten Einheitsbühnenbild zu spielen ist dabei konsequent, führt aber im Laufe des Abends zu einigen unmotivierten Auf- und Abgängen insbesondere des Chors. Da fehlt dann leider doch die inszenatorische Rafinesse.

Es wird in den Solopartien sehr textverständlich gesungen, in den Ensembles ist kein Wort zu verstehen und man vermisst schmerzlich die lautmalerischen Effekte der russischen Sprache, die für Tschaikowskis Kompostionsstil eigentlich essentiell sind. Noch scheint es ein unverzichtbares Alleinstellungsmerkmal der Komischen Oper zu sein, das gesamte Repertoire in deutscher Sprache zu bringen. Aber eine Inszenierung wie diese Pique Dame würde auch nur durch Musik und Aktion verstehbar sein und das musikalische Erlebnis wäre ungleich kompletter. Nichtsdestotrotz, ein großer, ein schöner Abend!
Dort dirigierte er die letzte Saisonvorstellung der aktuellen Inszenierung von Tschaikowskis Pique Dame und zwar mit Umsicht und Brillianz, großen Bögen und Sinn fürs Detail. Musikalisch war das einer der besten Abende in der Komischen Oper in der laufenden Saison, was da für ein filigran und dicht gewebter Klangteppich aus dem Orchestergraben wogte, wie der Reichtum der Partitur deutlich wurde und wie engagiert die Musiker bei der Sache waren, das ließ schmerzliche Erinnerungen an den vormaligen musikalischen Leiter Kyrill Petrenko aufkommen. Bei ihm waren solche Abende Alltag. Mit Robert Künzli als Hermann und Elena Semonova als Lisa waren die Hauptrollen gut besetzt, der Rest des umfangreichen Ensembles zeigt sich souverän und prägnant (besonders Mirko Janiska als Jeletski).

Der große Auftritt der Gräfin ist auch ohne Anja Silja ein Ereignis, Eva Gilhofer gurrt und wispert und ist ganz die große Verführerin. An dieser Stelle geht auch das Konzept von Regisseur Thilo Reinhardt bestens auf, die Oper als Psychogramm des unglücklich Liebenden Hermann anzulegen, der erst dann zum Spieler wird. Das ist näher an Tschaikowski und auch an der Puschkinschen Vorlage, als viele andere Interpretationen. Von wenigen Akzenten abgesehen gibt sich die Inszenierung angenehm zurückhaltend, die Geschichte wird durch die vielgestaltige Musik erzählt und vorangetrieben. Die Entscheidung im postsowjetisch angehauchten Einheitsbühnenbild zu spielen ist dabei konsequent, führt aber im Laufe des Abends zu einigen unmotivierten Auf- und Abgängen insbesondere des Chors. Da fehlt dann leider doch die inszenatorische Rafinesse.

Es wird in den Solopartien sehr textverständlich gesungen, in den Ensembles ist kein Wort zu verstehen und man vermisst schmerzlich die lautmalerischen Effekte der russischen Sprache, die für Tschaikowskis Kompostionsstil eigentlich essentiell sind. Noch scheint es ein unverzichtbares Alleinstellungsmerkmal der Komischen Oper zu sein, das gesamte Repertoire in deutscher Sprache zu bringen. Aber eine Inszenierung wie diese Pique Dame würde auch nur durch Musik und Aktion verstehbar sein und das musikalische Erlebnis wäre ungleich kompletter. Nichtsdestotrotz, ein großer, ein schöner Abend!
Freitag, 20. März 2009
Kälter als der Komponist erlaubt
Mit keinem Werk verbindet sich die Vorstellung was Russland und die russische Oper im 19. Jahrhundert ausmacht intensiver, als mit Tschaikowskis "Eugen Onegin". An der Wiener Staatsoper kam jetzt eine Neuinszenierung von Falk Richter heraus, die leider nicht zeigt, wie nahe uns das Ganze ist.

Da war doch was! Aber was?
Alles ist eingefroren in dieser Aufführung, die Menschen, die Ausstattung und sogar die Musik. Im Hintergrund schneit es unentwegt, die Dekoration besteht aus Eisquadern verschiedener Größe und Simon Keenlyside singt und spielt einen Onegin der nur schwer entflammbar ist, weder bei der ersten Begegnung mit Tatjana auf dem Landgut noch bei der zweiten nach seiner Rückkehr einige Jahre später in St. Petersburg. Auch sein Tanz mit Olga, in dessen Folge er immerhin seinen Freund Lenski beim Duell tötet, bleibt merkwürdig unterkühlt. Um so tiefer dann seine Erschütterung, als er den toten Freund in den Armen hält. Keenlyside gelingen im Laufe des Abends viele solcher Momente und er singt einen beeindruckend geradlinigen Onegin, ohne aufzutrumpfen und ohne Arroganz im ersten und ohne Lamoryanz im zweiten Teil. Ramon Vargas als Lenski weiß mit tadelloser Stimmführung zu beeindrucken, aber ein wirklich berührende Figur spielt er nicht, andere Sänger machen da viel mehr aus dieser Partie. Das gleiche muss für Tamar Iveri als Tatjana gesagt werden. Die emotionalen Momente bleiben Behauptung, ihr Spiel fällt schnell ins Äußerliche. Auch stimmlich ist die georgische Sopranistin ist sicher keine ideale Tatjana, sie schafft es kaum zwischen dem jungen, verliebten Mädchen und der älteren, sich in ihr Schicksal fügenden Frau, zu differenzieren. Genau wie für Vargas scheint auch für sie die Rampe eine magnetische Anziehungskraft zu haben, denn dort finden sich beide meist ein, wenn sie wichtige Dinge zu singen haben.

Das Ende einer Freundschaft.
Entgegen der Rollenkonvention sehr jung besetzt jst Ain Anger als Fürst Gremin, die Inszenierung geht darauf aber überhaupt nicht ein. Auch Nadia Krasteva als Olga mit schönem dunklen Mezzo und etwas zu viel Freude an der Bewegung wirkt am besten für sich allein, als wenn sie mit dem Rest der Inszenierung verknüpft ist. Man glaubt es kaum, dass man hier die komplette Premierenbesetzung sieht, so wenig konsistent wirkt das gesamte Bühnengeschehen. Auch interpretatorisch ist diese Inszenierung merkwürdig eindimensional. Wenn Onegin Tatjana als etablierte Geschäftsfrau wieder trifft ist sie auf einmal sein Typ? Die inneren Veränderungen der Figuren bleiben unbeleuchtet. Es überrascht, dass sich ein Regisseur mit so reicher Schauspielerfahrung wie Falk Richter sich mit einer so wenig komplexen Sicht auf die einzelnen Charaktere zufrieden gibt. Die große offene Bühne ist akustisch problematisch, das Ausstattungskonzept wirkt zufällig. Der permanente Schneefall im Hintergrund ermüdet die Augen schon nach wenigen Minuten. Man hat verstanden und wartet auf eine neue Erkenntnis, die sich nie einstellt.

Russische Party ohne Wodka, aber mit viel Eis.
Die große Enttäuschung des Abends ist das Dirigat von Seiji Ozawa. Er verzichtet auf jedes russische Sentiment, alles bleibt kalt und trocken. Außerdem setzt er das Orchester auf eine unverständliche Weise in Konkurrenz zu den Sängern auf der Bühne, die es schwer haben, diesen Ausbrüchen in jedem Fall zu folgen. Eigentlich müsste der Dirigent im Graben den Vulkan ankochen, der dann auf der Bühne zum Ausbruch kommt, statt dessen lärmt es viel zu oft und an den ganz falschen Stellen. Musikalisch ein unterdurchschnittlicher Abend, welcher an einem Haus wie der Wiener Staatsoper nicht vorkommen dürfte.

Nicht nur der Kenner sieht: Das geht nicht gut aus!
Tschaikowski bezeichnete den "Eugen Onegin" mit gutem Grund als "Lyrische Szenen" und nicht als "Oper". Eine Inszenierung, die mehr können soll als Personen in Bildern zu arrangieren braucht eine starke erzählerische Klammer, welche die einzelnen Szenen zusammen hält. Andere Inszenierungen der letzten Zeit in München und Berlin sind diesen Weg gegangen, mit unterschiedlichem Erfolg. Unterschätzen darf man das Werk aber keinesfalls und man muss genau hinhören, denn eigentlich ist ja auch in diesem Fall alles schon komponiert!
Wiener Staatsoper, besuchte Vorstellung: 19. März 2009

Da war doch was! Aber was?
Alles ist eingefroren in dieser Aufführung, die Menschen, die Ausstattung und sogar die Musik. Im Hintergrund schneit es unentwegt, die Dekoration besteht aus Eisquadern verschiedener Größe und Simon Keenlyside singt und spielt einen Onegin der nur schwer entflammbar ist, weder bei der ersten Begegnung mit Tatjana auf dem Landgut noch bei der zweiten nach seiner Rückkehr einige Jahre später in St. Petersburg. Auch sein Tanz mit Olga, in dessen Folge er immerhin seinen Freund Lenski beim Duell tötet, bleibt merkwürdig unterkühlt. Um so tiefer dann seine Erschütterung, als er den toten Freund in den Armen hält. Keenlyside gelingen im Laufe des Abends viele solcher Momente und er singt einen beeindruckend geradlinigen Onegin, ohne aufzutrumpfen und ohne Arroganz im ersten und ohne Lamoryanz im zweiten Teil. Ramon Vargas als Lenski weiß mit tadelloser Stimmführung zu beeindrucken, aber ein wirklich berührende Figur spielt er nicht, andere Sänger machen da viel mehr aus dieser Partie. Das gleiche muss für Tamar Iveri als Tatjana gesagt werden. Die emotionalen Momente bleiben Behauptung, ihr Spiel fällt schnell ins Äußerliche. Auch stimmlich ist die georgische Sopranistin ist sicher keine ideale Tatjana, sie schafft es kaum zwischen dem jungen, verliebten Mädchen und der älteren, sich in ihr Schicksal fügenden Frau, zu differenzieren. Genau wie für Vargas scheint auch für sie die Rampe eine magnetische Anziehungskraft zu haben, denn dort finden sich beide meist ein, wenn sie wichtige Dinge zu singen haben.

Das Ende einer Freundschaft.
Entgegen der Rollenkonvention sehr jung besetzt jst Ain Anger als Fürst Gremin, die Inszenierung geht darauf aber überhaupt nicht ein. Auch Nadia Krasteva als Olga mit schönem dunklen Mezzo und etwas zu viel Freude an der Bewegung wirkt am besten für sich allein, als wenn sie mit dem Rest der Inszenierung verknüpft ist. Man glaubt es kaum, dass man hier die komplette Premierenbesetzung sieht, so wenig konsistent wirkt das gesamte Bühnengeschehen. Auch interpretatorisch ist diese Inszenierung merkwürdig eindimensional. Wenn Onegin Tatjana als etablierte Geschäftsfrau wieder trifft ist sie auf einmal sein Typ? Die inneren Veränderungen der Figuren bleiben unbeleuchtet. Es überrascht, dass sich ein Regisseur mit so reicher Schauspielerfahrung wie Falk Richter sich mit einer so wenig komplexen Sicht auf die einzelnen Charaktere zufrieden gibt. Die große offene Bühne ist akustisch problematisch, das Ausstattungskonzept wirkt zufällig. Der permanente Schneefall im Hintergrund ermüdet die Augen schon nach wenigen Minuten. Man hat verstanden und wartet auf eine neue Erkenntnis, die sich nie einstellt.

Russische Party ohne Wodka, aber mit viel Eis.
Die große Enttäuschung des Abends ist das Dirigat von Seiji Ozawa. Er verzichtet auf jedes russische Sentiment, alles bleibt kalt und trocken. Außerdem setzt er das Orchester auf eine unverständliche Weise in Konkurrenz zu den Sängern auf der Bühne, die es schwer haben, diesen Ausbrüchen in jedem Fall zu folgen. Eigentlich müsste der Dirigent im Graben den Vulkan ankochen, der dann auf der Bühne zum Ausbruch kommt, statt dessen lärmt es viel zu oft und an den ganz falschen Stellen. Musikalisch ein unterdurchschnittlicher Abend, welcher an einem Haus wie der Wiener Staatsoper nicht vorkommen dürfte.

Nicht nur der Kenner sieht: Das geht nicht gut aus!
Tschaikowski bezeichnete den "Eugen Onegin" mit gutem Grund als "Lyrische Szenen" und nicht als "Oper". Eine Inszenierung, die mehr können soll als Personen in Bildern zu arrangieren braucht eine starke erzählerische Klammer, welche die einzelnen Szenen zusammen hält. Andere Inszenierungen der letzten Zeit in München und Berlin sind diesen Weg gegangen, mit unterschiedlichem Erfolg. Unterschätzen darf man das Werk aber keinesfalls und man muss genau hinhören, denn eigentlich ist ja auch in diesem Fall alles schon komponiert!
Wiener Staatsoper, besuchte Vorstellung: 19. März 2009
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