Freitag, 29. Januar 2010

Der Klang aus der Ferne


Im an Höhepunkten armen Januar-Spielplan der Berliner Opernhäuser ragt eine Produktion heraus: Franz Schrekers Der ferne Klang an der Staatsoper Unter den Linden. Nur für drei Vorstellungen wurde die Inszenierung des früheren Intendanten Peter Mussbach wieder aufgenommen, aber das hat sich in jeder Hinsicht gelohnt, handelt es sich doch um eine seiner besten Arbeiten in Berlin. Alles spielt hinter einer Schleierwand die multiple suggestive Bilderwelten hervorzaubert. Bühnenbildner Erich Wonder greift dafür tief und zielgerichtet ins surreale Fach. So entsteht ein Rausch an Farben und Bildern, der dennoch nie zu stark wird, filmisch souverän montiert von einer ambitionierten Regie (und hier auch wunderbar präzise einstudiert). Mussbach erzählt das Stationendrama als mehrebiges Geschehen und verzichtet auf einseitige Betonungen der Handlungsstränge. Er geht den analytischen Weg, der hinter dem Individuellen das Gesellschaftliche sucht. Sowohl die Lebens- und Liebesgeschichte des Mädchens Grete, wie auch das Künstlerdrama ihres Geliebten Fritz sind nur Versatzstücke einer großen anderen Erzählung, an welche sich die Aufführung behutsam herantastet.

Mit Anne Schwanwilms steht für die Figur der Grete eine herausragende Darstellerin zur Verfügung, die mit kraftvoller Sopranstimme und einer identifikatorischen Zueignung der Figur im Mittelpunkt des Abend steht. Leider war sie in der besuchten Vorstellung schwer angeschlagen. Dass sie trotz dieser Indisposition aufgetreten ist, erweist einmal mehr ihren Rang als Künstlerin, der Respekt und die Dankbarkeit des Publikums und der Kollegen war ihr sicher! Mit dem Komponisten Fritz findet Tenor Burkhard Fritz seit langem eine Rolle die seiner stimmlichen Dimension sehr gut entspricht. Mit vorzüglicher Sprachbehandlung und schlank geführter Stimme gelingt ihm ein eindrückliches Figurenporträt. Für den wunderbaren Sänger, der sich im Wagner- oder Strauss-Fach zueletzt immer schwer tat, sollten sich dankbare Partien im Umfeld finden lassen! Auch als Graf war Hanno Müller-Brachmann wieder ein Erlebnis, präzise, stilsicher und wirkungsvoll seine Auftritte, die wie immer im Gedächtnis bleiben. Großartig einstudiert auch der Chor der Staatsoper und die vielen kleineren Partien, zu nennen wären davon noch Andreas Bauer, Klaus Häger und Stephan Rügamer.

Unter der Leitung von Pedro Halffter spielt sich die Staatskapelle Berlin in einen wahren Klangrausch hinein. Die vielgestaltige, überreiche Partitur hält neben schwelgerischen Tönen die an Wagner und Puccini erinnern auch einige nicht zu überhörende moderne Akzente. Das ist für das bestens disponierte Orchester alles kein Problem. Es ist keine Frage, warum sich Michael Gielen - der Dirigent der Premiere - so nachdrücklich für den Komponisten Franz Schreker und seine Wiederentdeckung auf der Opernbühne einsetzt. Schön, dass die Staatsoper Unter den Linden die Inszenierung im Spielplan hält, sie hat das Potential zum Klassiker! Und erfreulich ist das große Interesse des Berliner Opernpublikums, die Vorstellung war restlos ausverkauft! Das soll unbedingt Mut machen, für erneute Ausflüge in das Repertiore des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Entdeckungen sind dort auf jeden Fall noch viele zu machen und vielleicht sogar Schätze zu heben, wie in diesem Fall!

1 Kommentar:

  1. Eine wunderschöne Oper; herb und trist aber gleichzeitig reich und träumerisch. Eine tolle Opernepoche, m.E.
    Tolles Blog, übrigens.
    Michael

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