Freitag, 30. April 2010

Carmen mit Hindernissen in Wien


Es sollte einer der abschließenden Höhepunkte der Abschiedssaison des Wiener Staatsoperndirektors Ioan Hollender werden, die neu einstudierte Serie von Carmen-Vorstellungen Anfang Mai. Zwar gab es keine Neuinszenierung, aber eine Besetzung, die als konkurrenzlos gelten kann. Sämtliche Hauptrollen waren mit Stars besetzt. Doch die prominenten Sänger gingen der Reihe nach von Bord. Als erster legte Rolando Villazon bereits im vergangenen Jahr die Rolle des Don José zurück, die er noch während seiner Zwangspause grundsätzlich aus seinem Repertoire gestrichen hat. Er wurde durch Massimo Giordano ersetzt. Dann musste Dirigent Mariss Jansons seine Mitwirkung aus gesundheitlichen Gründen absagen, für ihn übernahm sein Landsmann Andris Nelsons, der dafür sein Debüt an der Dresdner Semperoper abgesagt hat. Zuletzt musste dann noch Elina Garanca (Foto), ebenfalls aus gesundheitlichen Gründen, die Titelrolle zurück geben. Die Carmen singt jetzt Nadia Krasteva, ein auch in dieser Rolle erfahrenes Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper. Zwischenzeitlich gab es auch Grund um die Mitwirkung von Anna Netrebko zu bangen, weil sie noch im April eine komplette Serie I Puritani in Wien abgesagt hatte, aber sie wird, wenn nichts dazwischen kommt, die Micaela singen. Auch Ildebrando D'Arcangelo steht von Anfang an auf dem Besetzungszettel und wird den Escamillo zu erleben sein. Die kleinere Rolle des Moralès übernimmt Adrian Eröd von Boaz Daniel. Einer gelungenen Wiederaufnahme steht nun eigentlich nichts im Wege, wenn auch der eine oder andere Zuschauer angesichts der sehr hohen Kartenpreise von bis zu 215 Euro (der Vorverkauf fand wegen des großen Andrangs unter Polizeischutz statt) enttäuscht sein wird. Auch so mancher Grau- und Schwarzhändler wird das entgehende Geschäft bedauern. Man muss nämlich gar nicht in das Opernhaus rein, um zu schauen, was draus geworden ist. Das zweite Programm des ORF überträgt die Aufführung am 06. Mai 2010.

Sonntag, 25. April 2010

Esmeralda auf dem elektrischen Stuhl

Eingriffe in Text und Musik einer Oper werden schnell als unzulässig kritisiert. An der Dresdner Semperoper haben jetzt Dirigent Gerd Albrecht und Regisseur Günter Krämer nachdrücklich die so gut wie nie aufgeführte Oper NOTRE DAME des österreichischen Komponisten Franz Schmidt fragmentarisiert und diese so, wenn nicht für das Repertoire, aber wenigstens für diese Inszenierung gerettet.

Wer ein folkloristisch ausgemaltes Mittelalter nach Victor Hugo erwartet liegt komplett falsch. Die Inszenierung erzählt die Geschichte formenstreng und bildgewaltig als Rückblende: Zu Beginn sitzt Esmeralda zum Tode verurteilt auf dem elektrischen Stuhl und der Weg bis dahin läuft nochmals in ihrer Erinnerung ab. Sie ist hier nicht die schöne Zigeunerin sondern ein eiskalter Vamp, der sich nur ab und zu aus seinem orangen Anzug herausschält um selber zur Liebenden zu werden. Der Regisseur will zeigen, das Esmeralda Objekt zahlreicher Männerfantasien ist und dass ihr das schließlich zum Verhängnis wird. Das gelingt ihm recht eindrücklich, aber der Preis ist hoch, weil ihm so alle anderen Aspekte des Stoffs verloren gehen. Vom sinnenfrohen Mittelalter ist wenig zu sehen, wir befinden uns im puritanischen Amerika. Camilla Nylund gestaltet die Esmeralda mit Marylin-Perücke und im Sträflingsoutfit mit wunderbar fließenden Soprantönen, hin und wieder mit kontrollierten emotionalen Ausbrüchen, muss sich aber zu sehr in die unterkühlte Lesart der Figur fügen. Schade, hier könnte doch eine Sopran-Carmen auf der Bühne stehen! In den Mittelpunkt der Inszenierung rückt der Archediakon - von Markus Butter stimmlich, wie darstellerisch sehr eindrucksvoll gestaltet - der sich seine Liebe zu Esmeralda nicht zugestehen kann und sie, auch um sich selber zu bestrafen, in den Tod schickt. Der Geistliche und die Liebe - hier entsteht ein hochinteressanter Diskurs mit tagesakutellen Bezügen, auch körperlich prägnant umgesetzt. Respekt! Nach längerer Pause wieder zu hören ist Robert Gambill, eigentlich weltweit im Heldentenorfach unterwegs. Er hält sich als Hauptmann Phoebus, die große Liebe Esmeraldas, merklich zurück und zeigt auf der ganzen Linie einen wirklichen Durchschnittsmenschen. Keine schlechte Idee, wenn nicht diese merkwürdige Distanz zueinander bliebe, die sich durch die ganze Inszenierung zieht. Gewohnt solide sind auch die kleineren Rollen mit Matthias Henneberg und Oliver Ringelhahn aus dem Dresdner Ensemble besetzt. Nur wenig Profil darf Jan-Hendrik Rootering als Quasimodo zeigen, er wird im Hausmeisterkittel zur Nebenfigur degradiert, sein immer brüchiger klingender Bass passt allerdings gut zur Kreatur, die alle Hoffnungen fahren lässt und ihm gehört auch der große letzte Satz der Oper: Erbebe, du Riesenbau! Falle und begrabe dich unter mir!

Konnten Gerd Albrecht und Günter Krämer mit ihrer gemeinsamen Penthesilea-Produktion vor drei Jahren einen wirklich Triumph landen bleibt das Ergebnis hier unentschieden. Die Inszenierung geht auf Distanz zur Geschichte, das funktioniert, weil dadurch auch alle Sentimentalitäten und folkloristischen Einbettungen umgangen werden, die das Ganze schwer erträglich machen würden. Aber die Aufführung kommt so auch nicht nah genung an die Figuren heran. Die Arrangements stimmen, aus den Personen werden aber keine Menschen. Bei aller Virtuosität der Umsetzung bricht immer wieder Theaterkonvention aus, die hier völlig unangemessen ist und zu wenig funktioniert. Das Schicksal von Esmeralda wird erzählt, doch es berührt nicht. Das gilt für den ganzen Abend, zu viel allemeine Zivilisationskritik, welche die Geschichte überfrachtet. Die Musik gleicht das nur zum Teil aus. Die Staatskapelle Dresden spielt durchhörbar, manchmal fulminant und oft angenehm pathosfrei. Das ist insbesondere beim bekannten Zwischenspiel (welches in der Oper dann doch zu oft zitiert wird) sehr angenehm zu hören. Das Werk ist interessant instrumentiert und über weite Strecken abwechslungsreich, doch wirklich zwingend ist die Musik nicht. Insofern ist auch der Ansatz von Dirigent und Regisseur, die Oper kantiger und härter zu machen, nachvollziehbar.

Auch wenn für die Fachbesucher manche Wünsche offen bleiben folgte das Publikum in der ausverkauften Semperoper der Aufführung mit großer Konzentration und viele engagierte Pausengespräche zeugten von der emotionalen Aufnahme des Gesehenen. Einen bekannten Stoff über eine mutige Annäherung neu erfahren, eigentlich eine der hervorragendsten Aufgaben von Musiktheater. Überraschend, dass das gerade mit dieser Aufführung gelingt! Und sicher auch ein Verdienst des hervorragenden Sängerensembles, welches sich die komplizierten Partien sehr engagiert zu eigen gemacht hat. Erwähnenswert ist noch das in jeder Hinsicht lesenswerte Programmheft, welches informativ und abwechslungsreich neben dem Werk, und dem Komponisten auch die Hintergründe der Produktion beleuchtet. Ob die Oper mit dieser Inszenierung für das Repertoire zurück erobert wurde scheint eher fraglich, aber Anlass die Romanvorlage von Victor Hugo zur Hand zu nehmen ist sie allemahl. Und es bleibt die Hoffnung, dass auch die neue Intendantin die Spielplanlinie von Prof. Uecker, jedes Jahr eine eher unbekannte Oper zur Premiere zu brigen, fortführen wird.

Die Inszenierung ist am 2. Mai 2010 zum letzten Mal in der Semperoper zu sehen!

Montag, 19. April 2010

La Otter von Gerolstein


Es war seit langem ihr Wunsch, Anfang diesen Jahres ging er in Erfüllung: Die schwedische Mezzospranistin Anne Sofie von Otter, eine der weltweit am meisten geschätzten Sängerinnen unserer Zeit, arbeitete zum ersten Mal mit dem Schweizer Regisseur Christoph Marthaler zusammen. In einer Neuinszenierung am Theater Basel sang und spielte sie die Großherzogin von Gerolstein in Jaques Offenbachs gleichnamiger Operette. Herausgekommen ist nicht zuletzt wegen der Ausstattung seiner langjähigen Bühnen- und Kostümbildnerin Anna Viebrock ein ganz typischer Marthaler, eher noch langsamer, stiller, trauriger und skuriller als sonst. Die WELT meinte auch: Zwischen seinem Offenbachtrubel ist immer eisige Einsamkeit und leere Pflichterfüllung um diese leicht derangierte Herrscherin. Am Montagabend um 22.25 Uhr sendet arte einen Mitschnitt der sehenswerten Produktion!

Samstag, 10. April 2010

Eugen Onegin im Fernsehen


Heute abend um 20.15 Uhr zeigt der Kulturkanal 3sat einen Mitschnitt der Salzburger Produktion von Eugen Onegin aus dem Jahr 2007. In der Regie von Andrea Breth und unter der musikalischen Leitung von Daniel Barenboim singen Anna Samuil (Tatjana, Foto), Peter Mattei (Onegin), Ekatarina Gubanova (Olga), Joseph Kaiser (Lenski) und Renée Morloc (Larina), sowie Feruccio Furlanetto den Fürsten Gremin. Die Aufführung erzeugte nach ihrer Premiere eher gemischte Reaktionen. So lobte das Hamburger Abendblatt den handwerklichen Umgang der Regisseurin mit dem Stück: Breth schafft es mit fast schon komödiantisch leichter Hand, diese große, schwermütige Oper von ihrer zaristischen Steifheit zu befreien und wie ein Ibsen-Kammerspiel zu erzählen. Genau das macht der Berliner Tagesspiegel aber der Aufführung zum Vorwurf: Schonungslos will diese Produktion die lebensfeindliche Gesellschaft durchleuchten – und verzettelt sich, bei aller feinen Beobachtungsgabe Andrea Breths, optisch doch in einem Ästhetizismus der alten Schaubühne. Auch die Tageszeitung Die Welt sieht das Ganze eher kritisch: So wie Daniel Barenboim, der es später auch dramatisch effektvoll, aber leer krachen lässt, durch eine undurchsichtig bräsige Tschaikowski-Lesart enttäuscht, die die oft unsauberen Philharmoniker zusätzlich verwässern, so erzählt auch Andrea Breth auf hohem Niveau wenig Neues. Zumindest für das Fernsehen sollte eine psychologisch durchgebaute und auf Bildwirksamkeit bedachte Inszenierung gut funktionieren und für einen anregenden Abend sorgen. Auch ist die Zusammenarbeit zwischen Barenboim und Breth so gut gewesen, dass Sie im kommenden Jahr ihre Fortsetzung findet. Zu den ersten Festtagen der Staatsoper Unter den Linden im Ausweichquartier Schillertheater im Frühjahr 2011 inszeniert Andrea Breth den Wozzeck von Alban Berg, am Pult natürlich Daniel Barenboim.

Montag, 5. April 2010

Anna Netrebko auf arte


Am vergangenen Montag hat sie zusammen mit Daniel Barenboim in der Berliner Philharmonie einen wunderbaren Liederabend mit russischen Romanzen gegeben. Der Berliner Tagesspiegel fragte: Die Lieder scheinen der Ausnahme-Sängerin auf die Stimmbänder komponiert zu sein. Hat man sie je so schön singen gehört? Anna Netrebko präsentierte sich stimmlich und sängerisch in bester Form, sie nahm das Publikum auch mit dem ungewohnten Repertoire im Sturm. Der Kulturkanal arte hat das Konzert mitgezeichnet und zeigt das am 18. April 2010 um 19.15 Uhr in seinem Programm. Unter dem Titel Ein Flirt unter Musikern kann man in der aktuellen Berliner Morgenpost ein launiges Gespräch der beiden Ausnahmekünstler nachlesen, die sich auch privat nicht schlecht zu verstehen scheinen.

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