
Schon mehr als dreißig Jahre (!) findet sich die
Salome in der Inszenierung von
Harry Kupfer im Repertoire der Berliner Staatsoper, dass sie sich nach wie vor bewährt spricht für die Aufführung und natürlich auch für das Werk an sich. Kupfers realistische, in dunklen Tönen gehaltene und ganz aus dem obskuren Geist einer Diktatur gespeiste Lesart konzentriert sich (inzwischen?) ganz auf sich selbst und die Hauptfigur. Diese ist mit
Evelyn Herlitzius großartig besetzt. Selten hat man eine so packende Salome erlebt, mit wunderbarer geführter Stimme, großen Ausbrüchen und gelingenden Piani, alles mit hervorragender Textverständlichkeit. Die darstellerischen Qualitäten stehen bei
Evelyn Herlitzius bekanntermaßen den sängerischen in keiner Weise nach. Einen solchen Grad an Verkörperung der Figur wie hier ganz besonders im Tanz der sieben Schleier findet man wirklich nicht oft auf der Opernbühne. Zum abschließenden Höhepunkt wird der Schlussgesang, eine wirklich grandiose Leistung!
Philippe Jordan gibt der Aufführung mit der
Staatskapelle weit mehr als einen Klangteppich. Wie immer sehr sängerfreundlich dirigiert er einen spannungsvollen, kontrastreichen Richard-Strauss-Abend, welcher sowohl im Detail, wie auch im Gesamtbild überzeugt. (Am Rande: Bei der Kombination Jordan-Strauss-Staatskapelle handelt es sich gegenwärtig um eine der wenigen Qualitätskonstanten im Berliner Musikleben!)
Mark Doss gab einen kraftvollen, rollendeckenden
Jochaanan,
Stephan Rügamer routiniert als
Narraboth und was
Reiner Goldberg mit seinem
Herodes anbietet ist schlicht Weltklasse (diesemal leider ohne seine Stammpartnerin
Rosemarie Lang, sondern an der Seite der eingesprungenen, aber nur halb so alten
Daniela Denschlag). Goldberg gibt der Figur eine wirklich eigene Prägung, spielt einen hochgefährlichen Trottel, der einen regelrecht entsetzt. Gespeist aus Jahrzehnten Bühnen- und Lebenserfahrung entwickelt er eine Charge zum Charakter und wird so auf ganz schlüssige Weise zum Kraftzentrum der Aufführung und eröffnet der Salome einen größtmöglichen spielerischen Freiraum, in doppelten Sinne des Wortes!

Die Aufführung ist nicht nur konzentriertes Musiktheater und als solches alleine ein Vergnügen, sondern auch ein Lehrbeispiel für die wunderbaren Möglichkeiten des Repertoiretheaters. Erfahrene Sängerpersönlichkeiten beglaubigen ihre Figuren am Abend auch ohne wochenlange probende Vorbereitungen. Es ist schön, dass auf diese Weise immer wieder neue Besetzungen erlebt werden können und es ist bemerkenswert, wie die Ästhetik des Abends nach mehr als drei Jahrzehnten zwar nicht mehr ganz taufrisch wirkt, aber immer eine Wirkung hervorruft, die nicht natürlich auch mit ihrer langen Bestandsdauer zu tun hat. Nicht nur deswegen würde sie auf jeden Fall auch gut ins
Schillertheater passen!