Dienstag, 30. Juni 2009

Pina Bausch - die Königin ist tot

Noch vor zwei Wochen stand sie mit ihrem Ensemble auf der Bühne in Wuppertal, ein neues Stück hatte Premiere, wie immer noch ohne Titel. Heute ist Pina Bausch nur fünf Tage nach der Diagnose ihrer Krebserkrankung gestorben, sie wurde 68 Jahre alt. Mit ihr geht nicht nur eine der einflussreichsten und prägendsten Figuren des internationalen Tanztheaters, sondern eine große, singuläre Künstlerin und Deutschlands wahre Theaterkönigin, auch wenn sie nie auf dem entsprechenden Thron Platz genommen hat. Mit ihrem Credo, das nicht wichtig ist, wie sich ein Tänzer bewegt, sondern was ihn bewegt hat sie nicht nur das tänzerische Vokabular radikal erneuert, sondern auch das Theater als Ganzes unumkehrbar verändert. Sie hat ein wirklich neues subjektives Theater gefunden, in welchem Inhalt und Ausdruck nicht mehr gegeneinander standen. Vieles was heute im deutschprachigen Theatersystem, sei es Sprech- oder Musiktheater, die ganze Vitalität und auch die ganze Schwierigkeit ausmacht speist sich aus diesem Paradigmenwechsel. Doch viele die es ihr nachtun, die sich haben von ihr prägen lassen vergessen eines, das Wichtigste. Pina Bausch war frei, weil sie im Kopf frei war. Ihr Theater, war ein Theater des Körpers, in welchem sich Geist und Herz Ausdruck verschafften, beide gleichermaßen. So blieb das Verhältnis von Kulturdeutschland zu seinem größten globalen Exportartikel über die Jahre auch merkwürdig gespannt. In aller Welt wurde sie verstanden und geliebt, hierzulande begegnete man ihr mit wohlwollendem Respekt. In keinem Zusammenhang wurde vergessen zu erwähnen, dass Pina Bausch eine medienscheue Künstlerin sei, die wenigen Interviews wurden wie Trophäen platziert. Dabei hat sie doch nur von ihrem ureigenen Recht als Künstlerin Gebrauch gemacht, einzig durch ihre Werke zu sprechen. Das wird sie auch nach ihrem Tod tun. Ob im berühmten "Frühlingsopfer" - immer noch im Repertoire des Balletts der Pariser Oper oder in einem der anderen mehr als vierzig abendfüllenden Werke, die sie mit ihrem Tanztheater Wuppertal erschaffen hat. Dennoch, sie wird natürlich fehlen! Wer Pina Bausch einmal in "Café Müller" erlebt hat, diese kleine, zarte, zerbrechliche Frau, wie sie sich zögernd und tastend, hart und spröde und doch unendlich zart und anmutig über die Bühne bewegte, der wird das nie wieder vergessen können. Man sah eben keiner Ikone zu, sondern dem Leben der Pina Bausch. Danke.

Wohin mit Hölderlin?

Es ist ein reichliches Jahr her, dass Peter Mussbach die Staatsoper Unter den Linden verlassen musste, im kurzlebigen Berliner Kulturbetrieb eine sehr lange Zeit. Jetzt steht noch einmal für drei Vorstellungen die von ihm getextete und auf den Spielplan gesetzte Oper Hölderlin auf dem Programm, die Regie hatte er schon nicht mehr übernehmen können. Am Dirigentenpult steht aber immer noch der Komponist Peter Ruzicka.



Als Komponist hält er das Ganze auch recht gut zusammen, es gilt neben 13 Solisten auch diverse in die Seitenlogen ausgelagerte Schlaggruppen und den mit in Orchestergraben hineingezwängten Chor zu koordinieren. Musikalisch geht es allerdings über die zwei schnell lang werdenden Stunden einfach nur so dahin, Ruzicka arrangiert üppige Klangmassen, setzt wunderbar süffige Streicherpartien ab, aber eine Logik, etwas Zwingendes bekommt das nicht. Man steigt mit hoher Amplitude ein und ist dann kaum noch zu Steigerungen fähig, alles bleibt irgendwie moderat. Auch das Libretto schafft es nicht, dem Geschehen Struktur zu verleihen, im Gegenteil. Das Ganze hat mit dem Dichter Hölderlin herzlich wenig zu tun, dessen poetische Sprachmächtigkeit, dessen zweifelnde Souveränität bleiben vollkommen ausgeblendet. Vielmehr legt es Mussbach auf eine private Bestandsaufnahme einer im Untergang befindlichen Menschheit an, mit starker Tendenz zu lyrischen Erlösungsfantasien. Das wirkt stellenweise regelrecht pubertär und verbleibt dann auch über weite Strecken im Kunstgewerblichen. Hier hat sich jemand heftig im selbsterrichteten Gebäude verirrt, schade!



All diese Defizite kennend entschließt sich der kurzfristig einspringende Regisseur Torsten Fischer zu einer Radikalkur und konstruiert einen Handlungsablauf in einem posttraumatischen Vorstadt-Nirwana, der mit der Oper an sich kaum etwas zu tun hat. Die achtziger Jahre schauen aus allen Ecken, es passt dann unfreiwillig auch wieder zur Musik. Das geschieht nicht ohne eine gewisse Schlüssigkeit und es entstehen einige schön arrangierte Bilder, denen es aber zusehends schwer fällt einen Bezug zu Inhalt oder Musik herzustellen. Der Aktionismus ist atemberaubend, macht aber die inhaltliche Leere nur noch viel deutlicher. Nichts passt hier zusammen, alles bleibt Stückwerk, es entsteht keine produktive Spannung zwischen Szene und Musik. Die Kostüme, die permanente Feuchtigkeit und die düstere Grundstimmung lassen einen immer an England im frühen 19. Jahrhundert denken - man wähnt sich in einer Oper zu Edgar Allen Poe und nicht zu Friedrich Hölderlin. Dreizehen anonyme Sängerfiguren werde durch ebensoviele Schauspieler gedoubelt, die teilweise enorme Probleme haben, sich verbal und darstellerisch in dieser Überinszenierung durchzusetzen, selbst wenn sie chorisch agieren. Den Löwenanteil des Textes spricht Markus Gertken, das macht er souverän, wenn auch unbeteiligt. Dietrich Henschel schlägt sich wacker und mit viel Körpereinsatz, aber es kann auch ihm nicht gelingen die Fäden schlüssig zusammen zu binden. Der Rest des Ensembles wirkt routiniert bis engagiert.



Die Wiederaufnahmevorstellung an einem Freitagabend war sehr schlecht besucht. Es bleibt die Frage, ob die Staatsoper wirklich gut beraten war, diese Inszenierung zum Saisonende noch ein mal wiederaufzunehmen. Der Aufwand muss enorm gewesen sein. Man sollte am Haus doch inzwischen wissen, dass es in Berlin unmöglich ist, für solch ein Werk abseits der Premiere die nötige Aufmerksamkeit zu bekommen. Das ist für jede zeitgenössische Oper schwer, selbst wenn sie mehr geglückt wäre als diese hier.

Fabio Luisi geht nach Zürich

Erst vor wenigen Tagen hat Fabio Luisi seinen überraschenden Weggang aus Dresden mitgeteilt. Viel schneller als gedacht sind jetzt seine beruflichen Perspektiven bekannt geworden. Gerüchte, dass er ab Herbst 2012 neuer Generalmusikdirektor am Opernhaus Zürich wird haben sich heute bestätigt. Er tritt das Amt zeitgleich mit dem neuen Intendanten Andreas Homoki an, dem derzeitigen Intendanten der Komischen Oper Berlin. In Zürich wird Luisi dann Danielle Gatti ablösen, der erst vor kurzem für drei Jahre als Musikchef verpflichtet wurde. Offenbar nicht betroffen ist Luisis Engagement als Chef der Wiener Symphoniker, welches er unverändert fortführen will.

Die Reise hört doch niemals auf

Hans Werner Henze wird noch zu Lebzeiten das Schicksal zuteil zum veritablen Klassiker der Moderne deklariert zu werden. Ihn wird das nicht stören, gehört er doch schon lange zu den viel gespielten und viel gerühmten Komponisten seiner Generation. Die Semperoper Dresden hat sich jetzt für eine Neuprouktion seiner märchenhaften Oper L'UPUPPA UND DER TRIUMPH DER SOHNESLIEBE aus dem Jahre 2003 entschieden und es gelang ihr damit ein großer Wurf.



An diese Produktion stimmt einfach alles: Die Staatskapelle Dresden spielt unter dem amerikanischen Dirigenten Stefan Lano so differnziert, klar, klangschön und opulent, dass man nicht mehr aufhören möchte zuzuhören. Henzes wunderbare Musik entfaltet einen Zauber und eine Rafinesse die einen sofort in den Bann zieht und für den Rest des Abends nicht mehr los lässt. Von handwerklicher Meisterschaft und einer lebensweisen Durchdringung von Text und Musik zeugt die Inszenierung von Nikolaus Lehnhoff, dem vielleicht jüngsten und sicher dem musikalischsten aus dem Kreise der Regie-Altmeister. Er schöpft aus der Fülle und bleibt doch immer klug und absichtsvoll. Hier stimmt jedes Detail, jeder Schritt, jeder sich ändernde Lichtschein, ohne sich selbst zu genügen. Eine Klasse für sich ist das Bühnenbild von Roland Aeschlimann, endlich mal wieder eine Idee - aber konsequent und wirkungsvoll umgesetzt. Auch der gewohnte (und leider oft unangemessene) Ästhetizismus der Kostüme von Andrea Schmitt-Futterer findet hier einen angemessenen Rahmen. Die Aufführung verkörpert wie kaum eine andere im Spielplan der Semperoper ein mit Handwerk und Kunstwillen geschaffenes Musiktheater, bei der das Ergebnis viel größer ist, als das Summe seiner Teile.



Durch das ganze Ensemble hindurch gibt es von höchst erfreulichen Sängerleistungen zu berichten: Artur Korn zeigt mit großer Anteilnahme einen berührenden alten Vater. Den beiden missratenen Brüdern Gharib und Adschib geben Steffen Rösler und Jacek Laszczkowski Kontur und Witz. Mit Spielfreude und heldischem Furor in der Stimme überzeugt Markus Butter als guter Sohn Al Kasim - eine dankbare Aufgabe für den Bariton aus dem Ensemble der Semperoper, die er noch dazu glänzend bewältigt. Dessen Gefährten - den Dämon - verkörpert (wie übrigens schon in der Uraufführung in Salzburg) der formidable John Mark Ainsley, selten sieht man einen Sänger so lustvoll auf der Bühne agieren. Christa Mayer ist ein wunderbar volltönender Sultan Malik im Vollkostüm - das wäre dann aber sicher auch eine schöne Rolle für eine Sängerin im Charakterfach (Was macht Hanna Schwarz gerade?) und Jaques-Greg Belobo gibt den Staatsmann Dijab mit Grandezza und Würde. Mit glockenhellen Spitzentönen stattet Claudia Barainsky ihre Prinzessin Badi'at aus. Alle sind mit bemerkenswerten Einsatz bei der Sache, ohne das es je verbissen oder langatmig wirken würde. Übertitel sind zwar inzwischen Standard, hier werden sie aber kaum benötigt, da bemerkenswert textverständlich gesungen wird. Eine genaue Personenführung und eine stringente Erzählweise sind eben immer noch die besten Voraussetunzung für ein glückendes Verständnis.



Die Upupa ist eine wirklich in jeder Hinsicht reizvolle Aufführung, für Erwachsene sowieso und für Kinder auch. Man darf sich durch das Märchen zunächst ruhig täuschen lassen, es verläuft überraschender als man zunächst glauben mag. Das ist in dieser Oper so, wie im Leben. Eben nicht die vorschnelle moralische Verurteilung bringt uns zur Erkenntnis, sondern der beharrliche Umweg führt zum Ziel. Und es geht immer weiter, ein Ende gibt es nicht, bis jetzt hat es zumindest keiner gefunden. Auch ist in der Oper so wie im Leben. Und wenn das Leben im orientalischen Gewand dieser Henze-Oper ankommt, dann ist auch noch einiges zu erwarten.

Hoffentlich nehmen aber zukünftig mehr Besucher dieses Angebot der Verführung an, als in der besuchten Vorstellung kurz nach der Premiere. Die Lücken im Parkett der Semperoper waren beträchtlich. Eine Stadt die meint, auf den Titel des kulturellen Welterbes verzichten zu können darf nicht den fatalen Schluss ziehen, dass es genügt ein Opernhaus zu haben, in welchem Touristen zu hohen Eintrittspreisen Aufführungen bekannter Stücke vorgesetzt werden. Musiktheater ist keine Besitzstandswahrung, sondern immer auch Gegenstand aktueller Auseinandersetzung mit neuen Stücken. Eine interessierte Öffentlichkeit - wenn sie sich als solche versteht - muss diese Angebote auch annehmen. Wenn das schon bei dieser Henze-Oper nicht funktioniert, dann stimmt das nicht gerade optimistisch und erzählt viel über den Stand des kulturellen Diskurses in der Stadt Dresden.

Montag, 29. Juni 2009

Erstes Lohengrinfoto aus München



Es ist ohne Zweifel der abschließende Höhepunkt der Saison, die für diesen Sonntag geplante Premiere von Richard Wagners Lohengrin in München. Mit Spannung werden die Rollendebüts von Jonas Kaufmann (Lohengrin), Anja Harteros (Elsa von Brabant) und Christoph Fischesser (König Heinrich) erwartet. Seit Wochen wird auch über die szenische Umsetzung spekuliert, Anja Harteros hatte mehrere Vorstellungen abgesagt, um sich auf die Proben konzentrieren zu können. Die musikalische Leitung der Aufführung hat Kent Nagano übernommen, die Regie Richard Jones. Sämtliche Vorstellungen sind natürlich bereits ausverkauft, aber die Premiere wird live auf den Münchener Max-Joseph-Platz und auch nach Wien übertragen.

Waltraud Meier singt die Brünnhilde

Die Dresdner Philharmonie hat mittlerweile das detaillierte Programm der Wagner-Gala veröffentlicht, in welcher Waltraud Meier am kommenden Sonnabend am Dresdner Elbufer auftreten wird. Neben ihrem Bravourstück Isoldes Liebestod wird sie auch Brünnhildes Abschied aus der "Götterdämmerung" auf der Bühne singen. Während sie als Isolde seit ihrem Debüt in der Rolle bei den Bayreuther Festspielen 1993 (in der legendären Inszenierung von Heiner Müller) weltweit Erfolge feiert ist sie als Brünnhilde bisher noch nie live aufgetreten. Desweiteren werden im Rahmen des Galakonzertes orchestrale Ausschnitte aus den Wagner-Opern "Die Meistersinger von Nürnberg", "Tristan und Isolde" sowie "Götterdämmerung" erklingen. Karten sind noch im Vorverkauf erhältlich.

Freitag, 26. Juni 2009

Fabio Luisi verlässt Dresden



Überraschend hat der Dresdner Generalmusikdirektor Fabio Luisi angekündigt, seinen bis 2012 laufenden Vertrag nicht zu verlängern. Er begründet seinen Entschluss "ausschließlich mit persönlichen und familiären Gründen." Ausschlaggebend dürfte aber auch das in letzter Zeit nicht immer ganz konfliktfreie Verhältnis zur Dresdner Staatskapelle sein. Die Bilanz der letzten Jahre fällt dann auch gemischt aus. Neben herrausragenden Premieren wie Rigoletto und Cardillac (nicht zu vergessen ein fulminantes Ring-Dirigat noch vor Luisis Amtsantritt 2006) standen mit Die Meistersinger von Nürnberg und Il trovatore eher kritisch aufgenommene Einstudierungen. Auch im - in Dresden sehr wichtigen - sinfonischen Bereich gab es viel höfliche Routine, der berühmte Funke sprang zu selten über. Nun also die frühzeitige Ankündigung des Rückzugs und damit alles auf Anfang. Nach dem bereits fixierten Wechsel in der Intendanz der Semperoper am Ende der kommenden Spielzeit von Gerd Uecker zu Ulrike Hessler steht damit auch eine Neubesetzung der musikalischen Leitungsposition an. Die Suche nach einer profilierten und renomierten Dirigentenpersönlichkeit - mit einschlägigen Erfahrungen sowohl im sinfonischen, wie auch im Opernbereich - wird auf keinen Fall einfach werden.

Montag, 22. Juni 2009

Das Glück kennt nur Minuten

Richard Strauss letzte Oper Capriccio - ein Konversationsstück mit Musik - spielt im Frankreich des späten 18. Jahrhunderts. Nach dem Motto Prima la musica e poi le parole streiten der Komponist Flamand und der Musiker Olivier um die Vorherrschaft von Wort oder Musik und zugleich um die Gunst der Gräfin Madeleine. Dem hintersinnigen und anspielungsreichen Alterswerk wird gern Oberflächlichkeit und Langeweile nachgesagt - zu Unrecht wie die aktuelle Premiere an der Oper Köln nachhaltig unter Beweis stellte.


Willkommen im Elfenbeinturm.

Die Inszenierung von Christian von Götz macht aus der Handlung ein kongeniales Spiel im Spiel, angesiedelt in der Entstehungszeit des Stückes: 1942 - im von den Deutschen besetzten Paris. Alles ist nicht mehr als ein flüchtiger Traum in einer Samstagnacht, aber auch nicht weniger. Bilderstark, intellektuell überzeugend, emotional bewegend, getragen von einem intensiv agierenden Solisten-Ensemble wächst da ein Opernabend, dem man sich nicht entziehen kann. Die Rahmenhandlung ist behutsam inszeniert, nur zaghaft mit dem Capriccio-Spiel verknüpft, dann aber um so bewegender. Der Graf ist ein Nazi-Bonze und stellt jüdischen Flüchtlingen Passierscheine aus. Wenn die Gräfin an der Rampe sitzt und in Tränen ausbricht, weil sie bemerkt, dass ihr Schmuck einen jüdischen Vorbesitzer hatte, dieser stumme Moment wird zum Höhepunkt des Abends. Die Schlussworte "Das Souper ist serviert." markieren den Abschied. Die Utopie kann nicht von Dauer sein - das rückt sehr nah heran an Richard Strauss.


Auch Schreibtischtäter sind Menschen.

Mit Camilla Nylund steht als Gräfin eine wirklich herausragende Sängerin und Darstellerin zur Verfügung. Sie beherrscht sowohl die parlandohafte Leichtigkeit der Partitur, wie auch die große Gesangslinie. Ihre Interpretation der Figur kann so als exemplarisch gelten. Mit sicherem Gespür für das nötige Maß an Identifikation und Distanz und fein portionierter Ironie steht sie unangefochten im Mittelpunkt des Geschehens. Ebenfalls hervorragend: Miljenko Turk in der Rolle des Dichters Olivier, der Hausbariton der Oper Köln, den man hoffentlich bald an anderer Stelle wieder hören wird. Hauke Möller steigert sich als Komponist Flamand zusehends, Ashley Holland ist rollendeckend ein zerrissener Graf. Als Schauspielerin Clairon überzeugt Ursula Hesse von den Steinen durch komödiantischen Zeichnung ihrer Figur. Mit viel Kraft, aber zu wenig Differenzierungsvermögen gibt Michael Eder den Theaterdirektor La Roche, er kommt souverän durch die Partie, bleibt aber zu viel an stimmlicher Gestaltung schudlig. Das gilt leider auch für das Gürzenich-Orchester unter der Leitung von Markus Stenz. Es wird mit Liebe zum Details gespielt, aber nicht mit Inspiration musiziert, was für diese zu ein paar Ausführlichkeiten neigende Oper aber dringend notwendig wäre.


Der Traum ist aus.

D
ieser außerordentlich gelungene Capriccio kündet auf beeindruckende Weise von den Möglichkeiten eines realistischen Musiktheaters mit poetischer Rafinesse und politischer Relevanz. Das die Inszenierung inhaltlich etwas wagt stellt man bei dem geglückten Ergebnis kaum in Rechnung. Die letzte Produktion der Oper Köln, bevor der neue Intendant Uwe Eric Laufenberg sein Amt antritt (vom Ende einer Ära will man nicht sprechen) setzt ein Achtungszeichen. Es geht doch!

Freitag, 19. Juni 2009

Neuer Blog zu Gustav Mahler online



Anlässlich des im kommenden Jahr bevorstehenden Gustav-Mahler-Jubiläums hat der Musikverlag "Universal-Edition" einen neuen Blog zu Werk und Wirkung des österreichischen Komponisten, dessen Todestag sich am 18. Mai 2011 zum einhundertsten Mal jährt, eingerichtet. Es äußern sich bisher u.a. die Dirigenten Daniel Barenboim, Pierre Boulez und Danielle Gatti und es gibt umfangreiche Informationen über geplante Aufführungen.

Mittwoch, 17. Juni 2009

Rolando Villazon sagt Wiener CARMEN ab

Der Tenor Rolando Villazon sagt seine Mitwirkung an der für die kommende Saison an der Seite von Anna Netrebko und Elina Garanca geplanten Aufführungsserie von George Bizets Carmen an der Wiener Staatsoper ab. Die Aufführungsserie ist für Mai 2010, also kurz vor dem Ende der Amtszeit von Staatsoperndirektor Ioan Hollender geplant. Damit bestätigt Villazon entsprechende Spekulationen, die schon seit längerem kursierten. Als Grund führt er an, dass er die Partie des Don José nach seiner Stimmbandoperation vorerst aus seinem Repertoire streichen muss. Er hatte im April bereits alle Auftritte für das laufende Jahr abgesagt, darunter auch seinen Auftritt bei den Salzburger Festspielen und einen Teil einer längeren Deutschland-Tournee.

Statement von Rolando Villazon auf seiner Homepage

Die Rolle des Don José wird in Wien Massimo Giordano übernehmen, der die Rolle gerade sehr erfolgreich an der Deutschen Oper Berlin gesungen hat. Es handelt sich im Übrigen nicht um eine Neuinszenierung, wie an vielen Stellen fälschlich gemeldet wurde, sondern um eine Wiederaufnahme der betagten Inszenierung von Franco Zefirelli. Die Aufführungsserie steht allerdings unter der musikalischen Leitung von Mariss Jansons und gilt deshalb als einer der Höhepunkte der kommenden Opernsaison in Wien.

Homepage Massimo Girodano

Vom Meer

Das letzte Abonnementkonzert der Staatskapelle Berlin stand unter dem manches versprechenden Titel "Das Meer" - und es bot ein in jeder Hinsicht überzeugendes Programm.



Musikalisch und dramaturgisch überzeugend, überraschend und berückend - was will man mehr von einem Sinfoniekonzert! Mit Felix Mendelssohn Bartholdys Ouvertüre "Meeresstille und große Fahrt" gibt es einen stimmungsvollen Auftakt, das Orchester spielte mit Tempo und Liebe zum Detail. Waltraud Meier beweist dann einmal mehr ihre Ausnahmestellung indem sie virtuos mit den außerordentlichen, ihr zu Verfügung stehenden Mitteln umgeht. Ihre Darbietung von Ernest Chaussons "Poème de l‘amour et de la mer op. 19" wird zum Höhepunkt des Konzerts. Wirkungsvoll setzt sie ihre wunderbar dunkel timbrierte Stimme und ihre reiche Bühnenerfahrung ein und zwar als Wagner-Sängerin, wie als Liedinterpretin von Rang. Ihr Gesang verschmilzt in manchen Momenten auf wunderbare Weise mit dem Orchester, schwingt sich dann wieder kraftvoll hinauf um in einer kleinen Bewegung zu verebben. Das berührt und bewegt! Nach der Pause zunächst die Interludes aus Benjamin Brittens Oper "Peter Grimes" - überzeugend sowohl in ihrer Schroffheit, wie in ihrer epischen Schönheit und dann "La Mer" von Claude Debussy als farbenreiches Gemälde aus Tönen, mit viel Gespür musiziert. Symphatisch und souverän hat der Dirigent Philippe Jordan das Geschehen über die mehr als zwei Stunden im Griff. Offenbar stimmt die Chemie zwischen ihm und der Staatskapelle. Davon konnte man sich zuletzt in Berlin mehrfach überzeugen, nicht nur anlässlich der gelungen Premiere von Mozarts "Die Entführung aus dem Serail", auch kurz zuvor beim von ihm wunderbar wieder einstudierten "Un ballo in maschera" in der Lindenoper. Auf "ans Meer" also jetzt und im Herbst beginnt die neue Saison...

Donnerstag, 11. Juni 2009

Ein Tristan mit Hindernissen

Die Deutsche Oper hat zum Ende der Saison Pech mit ihren Wagner-Sängern. Vor einem Monat gab es handfeste Probleme einen Ersatz für den Tannhäuser zu finden und jetzt musste Robert Gambill als Tristan absagen. Die Lösung, die man in der gestrigen Vorstellung gefunden hat kann aber nur als Kompromiss gelten, obwohl der "Einspringer" alles andere als eine Verlegenheitslösung ist.



Erfreulich ist, dass Peter Seiffert sich bereit gefunden hat, als Tristan einzuspringen. Schade bleibt, dass er das erstmal nur singend (mit Buch und Pult) getan hat. Als Tristan auf der Bühne figurierte die verdiente Spielleiterin der Deutschen Oper Gerlinde Pelkowski. Man muss sagen: Das funktioniert so nicht. Das Ganze gewinnt zu wenig an Spannung, es wird kein richtiger Opernabend. Seiffert singt einen akzeptablen Tristan, auch er mit Schwierigkeiten im dritten Akt, aber welcher Sänger hat die nicht. Trotzdem, er singt die ganze Partie, er schreit oder deklamiert sie nicht und alles mit vorzüglicher Sprachbehandlung. Es wird klar, warum der Sänger mal als Hoffnung des Wagnergesangs galt. Als Isolde ist Evelyn Herlitzius nach wie vor eine erste Rollenvertreterin, wohl kaum einer Sängerin gelingt es die Figur mit einer solchen Plausibilität und Konkretheit zu zeichnen. Indes stellte sich gerade beim Liebestod gestern erstaunlich wenig Magie ein, sicher lag es auch an der Tatsache, dass sie sich ja immer zwei Tristans gegenüber sah, einem singenden und einem spielenden. Der singende verließ die Bühne nach seinen letzten Phrasen und der spielende lag nur noch da, an der Stelle war dann endgültig die Luft raus. Die Brangäne von Daniela Sindram blieb zu eindimensional in der Darstellung. Gewohnt deutlich und mit viel sonorem Tiefklang zelebriert Hans-Peter König den König Marke. Das hat Wirkung, aber es berührt nicht. Schade, aber diese Rolle darf man nicht so unbeteiligt singen. Den besten Eindruck des Abends hinterlässt Samuel Youn als Kurwenal, mit viel Attacke und heldischem Glanz in der Stimme zeigt er sein Wagner-Format. Das Orchester der Deutschen Oper und Pinchas Steinberg hat einen routinierten Abend und hält sich über weite Strecken angenehm im Hintergrund, so geht es auch! Die langgediente Inszenierung von Götz Friedrich aus dem Jahr 1980 bekennt sich zu einer psychologischen und realtistischen Erzählung der nicht ganz einfachen Geschichte und es erstaunt, wie weit sie damit kommt. Üblicherweise wird dieser Weg ja inzwischen vermieden und das Stück in eher allegorischen oder symbolischen Zusammenhängen präsentiert. Das kann gut gehen, muss es aber nicht, wie viele Beispiele zeigen. Für die nächsten Vorstellung am 14. Juni 2009 ist Peter Seifert allein als Tristan angekündigt. Wenn alle einen guten Tag haben, könnte das - nach der gestrigen Durchlaufprobe mit Publikum - eine kleine Wagner-Sternstunde werden.

Montag, 8. Juni 2009

No mattern, no art

Die Herausforderungen, die in einer Inszenierung der Opern von Wolfgang Amadeus Mozart liegen werden oft unterschätzt. Als letzte Premiere der Saison an der Berliner Staatsoper Unter den Linden stand sein beliebtes Singspiel „Die Entführung aus dem Serail“ auf dem Plan – in der Regie des schon seit längerem als Schauspielregisseur hoch gehandelten Michael Thalheimer.


Was mach ich nur? Was mach ich nur?

Um es gleich vorwegzunehmen, durchweg erfreulich ist die musikalische Seite der Aufführung: Unter der umsichtigen und inspirierenden Leitung von Philippe Jordan gelingt der Staatskapelle eine höchst differenzierte Aufführung, welche die Spannung über den zweistündigen pausenlosen Abend hält. Pavol Breslik, früher Ensemblemitglied an der Lindenoper - inzwischen ein auch in München und Wien gefragter Tenor, liefert mit Schmelz, Hingabe und sicherer Stimmführung einen Belmonte aus dem Bilderbuch. Ebenso erfreulich Florian Hoffmann als Pedrillo, immer auf den Punkt und seit langem wieder richtig aus sich heraus gehend. Christine Schäfer beglaubigt ihre Konstanze mit Persönlichkeit und Ausstrahlung, ein paar der hohen Töne sitzen nicht so, wie sie könnten, sie scheint nicht ganz in der üblichen Form zu sein. Als Blonde macht die junge Sängerin Anna Prohaska erneut mit Nachdruck auf sich aufmerksam, sängerisch und darstellerisch. Osmin bleibt eher eine Randfigur, obwohl ihn Maurizio Muraro mit stimmlichem und darstellerischem Furor zeigt.


Es sind die Fragen von Nähe...

Regisseur Michael Thalheimer ist eines wirklich gelungen, die Dialoge fallen an diesem Abend nicht hinter die gesungenen Passagen zurück, darin steckt viel Arbeit, die sich gelohnt hat. So stichhaltig und auf den Punkt wurde auf der Opernbühne selten argumentiert (teilweise auf englisch, was nicht weiter stört, aber auch keine tieferen Einsichten bringt). Die Sänger verkörpern allesamt Figuren und singen nicht nur Rollen. So ergeben sich viele schöne und auch überraschende Details. Leider hält das Konzept der Inszenierung als Ganzes dem nicht stand. Thalheimer verzichtet auf die Geschichte, konzentriert sich vielmehr auf eine Versuchsanordnung von sich irgendwie nicht mehr oder noch nicht (wieder) liebenden Menschen. Es bleibt dann aber alles erstaunlich konventionell. Er findet keine richtig schlüssigen Bilder und so das Bühnengeschehen keinen Rhythmus. Deswegen wirkt auch der Bassa Selim des Schauspielers Sven Lehmann, eigentlich eine dankbare Aufgabe, seltsam konturlos.


...und Distanz, welche in der Inszenierung verhandelt werden.

Dennoch ist es ein erlebenswerter Abend, der gut in den beginnende Sommer passt. Durch die verdeckten Proszeniumslogen ergibt sich eine kammerspielhafte Konkretheit im Vorbühnenbereich und so lange die Sänger um das Orchester herumturnen geht eigentlich nichts richtig schief. Wer das Stück kennt und mag kommt auf seine Kosten. Am Schluss einer durchwachsenen Saison steht eine durchschnittliche, irgendwie großstädtisch geratene Entführung, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Großer Jubel für alle Musiker, Buhs für die Regie – auch das fast wie immer.


Das wars - ein Ende ohne jegliche Illusionen.

Dienstag, 2. Juni 2009

Der Rest ist Schweigen

Die allerletzte Regieanweisung in der Partitur von Richard Strauss "Elektra" lautet Stille, dann fällt der Vorhang. Es ist etwas zu Ende gegangen. Hundert Jahre nach der Uraufführung stand das monumentale Musikdrama jetzt in zwei bemerkenswerten Repertoire-Aufführungen auf dem Spielplan der Staatsoper Unter den Linden Berlin.


Vergiss das Hackebeil nicht, wenn du zum Brunnen gehst...

In kaum einer der Elektra-Vorstellungen der letzten Jahre ist es gelungen, ein so hervorragendes Sängerinnen-Trio zu verpflichten. Mit Deborah Polaski steht für die Titelrolle eine erprobte Sängerdarstellerin zu Verfügung, die sich mit kontrollierter Emphase in die Partie wirft. Ihr gelingen auf diese Weise viele wunderbare Momente der Innerlichkeit, die sie mit einer wunderbaren Linienführung und überraschenden Piani beglaubigt. Das gleiche gilt für Anne Schwanewilms als fahrige Schwester Chrysothemis, sie steigert sich regelrecht in die Rolle hinein und gibt der Figur in ihrem ungebrochenen Lebenswillen eine existenzielle Dimension - und sie singt (!) das alles ganz großartig, mit viel Engagement, beipsielhaft! Das kann auch Jane Henschel für ihre Klytämnestra für sich in Anspruch nehmen. Mit beeindruckender Bühnenerscheinung und stimmlich in hervorragender Form macht sie die Verletzungen und die Tragik der versagenden Mutter deutlich. Auch für sie gilt: es wird gesungen - nicht, wie so oft nur deklamiert. Viele große Momente des Aufeinanderhörens, das ist selten. Stimmlich passen die drei Sängerinnen bermerkenswert gut zusammen und man kann wie auf einem Tableau drei Ausprägungen weiblicher Handlungsdynamik verfolgen und - wenn man will - verstehen. Das funktioniert durchweg so gut, dass man es kaum glauben kann und geht weit über den von der Inszenierung vorgelegten Deutungshorizont hinaus. Von dieser (vor mehr als einem Jahrzehnt von Dieter Dorn eingerichtet) bleiben nicht mehr als Arrangements, die sich dicht an der Angaben der Partitur halten. Zumindest die hektische Atmosphäre des Nachts am Hofe zeigt sich durch die kurzen und zügigen Auftritte der Nebenfiguren immer noch sehr eindrücklich. Aus dem Ensemble müssen Hanno Müller-Brachmann (Orest) und Rainer Goldberg (Aegisth) genannt werden, beide hier mit "großen" kleinen Auftritten - wie gewohnt auf den Punkt präzise und mit hervorragender Stimmkultur. Zusammengehalten wird das Geschehen aber durch die Staatskapelle Berlin im Orchestergraben unter der Leitung von Michael Boder. Dessen kluges und zugreifendes Dirigat bescherte einen großen Opernabend, der ein richtiges Erlebnis wird, welches eine Weile vorhalten muss, denn in der kommenden Saison planen weder die Staatsoper, noch die Deutsche Oper eine Elektra-Vorstellung. Warum eigentlich?

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